Archiv für modern gothic novel

Ein Experiment zur Huldung der Nacht.

Posted in Kurzgeschichten with tags on 17. Juli 2012 by nonesense

Manche Nacht kann interessante Ideen hervorbringen. Und so auch diese, obschon sie bereits um ist, wie mir der Blick aus dem Fenster verrät.

Was mich nun ergriffen hat, ist die Idee einer neuen Kurzgeschichte. Nicht irgendeiner kleinen abgeschlossenen Handlung. Ich werde versuchen eine größere Geschichte, deren etwaigen Ablauf ich inzwischen erahnen, jedoch nicht kennen kann, in Abschnitten hier einzustellen. Inspirationsquelle und tieferer Sinn dahinter ist endlose Nacht und ein Spagat zwischen leichtem Horror, Grusel und Faszination. Ich schreibe diese Zeilen nicht ohne Grund. Beim sehnsüchtigen Suchen nach neuer – gothic aber modernen – Literatur, die die Unterhaltung nicht über die tiefgreifende Erkenntnis stellt, musste ich einsehen, dass es außer uralten (oft für meinen Geschmack doch uninteressanten) Schinken nichts neues gibt, das der Szene an Wortkunst zur Verfügung steht. Und so nehme ich meine selbstauferlegte Aufgabe an, weiterhin Wortkunst für meine Szene zu schaffen. In der Hoffnung, dass sich bald auch andere dazu inspiriert fühlen wieder den tiefgreifend faszinierend dunklen Gang übers Papier zu wagen. Ich bin gespannt…

Nacht. Ein Essay.

Nacht und um uns reißt der Sturm ein Loch in die Schutzhütte. Gewaltige Pranken senken sich durch das hölzerne Fleisch in die Kammer, kratzen über den Boden. Und bleiben plötzlich vor uns stehen. Wie wir da so zusammengekauert sitzen, erlegt mein Blick die Beute in Sekundenschnelle: Die Drachen sind nicht hier, um uns zu töten.

Schreiend erwachte ich aus dem Leben in eine fremde Realität. Über mir starrte die unauslöschliche Finsternis auf mich herab. Die Decke war heil geblieben und ich war allein. Dennoch scharrte etwas in einer Ecke über den Boden. Ein Schauer überzog meinen Rücken. Was auch immer es war, es war weit genug fort. Mein Atem begann sich allmählich zu entspannen. Bis es wieder knisterte, scharrte, kicherte. Den Instinkt, das Hörbare zu erkennen, konnte ich kaum unterdrücken, starrten mich doch aus der wabernden Nacht zwei dunkel pulsierende Augen an. Es war hier. Und ich war ihm hilflos ausgeliefert.
Mit dieser Erkenntnis stockte mein Luftholen endgültig. Je länger ich es ansah, desto intensiver wirkten die Formen, die seltsam anmutend aus der bereits lichtlosen Dämmerung meines Zimmers hervorstachen. Zwei leicht gerundete Schlitze, abgrundtief. Und darunter ein etwas lichteres Grinsen. Lange, lange konnten wir nicht von einander loslassen. Es brauchte mich, um zu existieren, das wurde mir immer klarer. Doch auch ich brauchte das Wissen, dass es da war. Inzwischen fühlte es sich ein wenig an, als verbreite die Gestalt Sicherheit. Als sei sie nur gekommen, um nach dem rechten zu sehen. Am Fenster schob sich der Mond einige Zentimeter weiter nach links, löste neue Schatten aus der Masse und befreite einige weitere Seelen, die sogleich um uns herum schwirrten und stöhnten. Diese hier kannte ich bereits. Sie waren harmlos und oft reichte der Gedanke, dass sie ausschließlich einer irritierten Fantasie entsprungen waren, um sie zu vernichten. Das kleine Wesen, dessen Augen schon in die Tiefen meiner Seele eingedrungen waren, wollte sich nicht vernichten lassen. Weder meine Fantasie noch mein Glaube hielten es davon ab, zwischen der Realität und der Irrealität zu wählen. Es musste mehr sein, als alles was ich mir je eingebildet hatte.
Für einen kleinen Test nur schloss ich vorsichtig die Augen, mit der Erwartung beim Öffnen und erneuten Hinschauen festzustellen, dass das Wesen doch nichts weiter als verirrte Schatten war. Ich schlug also die Augenlider wieder auf. Und schrie.
Eben noch wurde mir gewahr, wie nahe das Wesen in dieser einen Sekunde gerückt sein musste. Noch einmal brannten sich seine unsagbar tiefen Augen in mich ein, bevor die Tür zu meinem Zimmer aufgestoßen wurde. Greller Lichtschein verjagte das Untier, hüpfend und keckernd sah ich es durch die scheinbar immaterielle Fensterscheibe verschwinden. Ich keuchte.

Meine Begegnungen dieser Art hielten sich zu früheren Zeiten in Grenzen. Der Kobold, wie ich ihn nach mehrmaligen Besuchen nannte, kam des Öfteren, sogar sehr nahe. Nie aber berührte er mich. Lediglich meine Kräfte raubte er, sodass ich am Ende nie sicher war, ob er nun doch real oder erträumt war. Jahr für Jahr aber wurden die Begegnungen weniger und ich hatte bald die Hoffnung, dass das Tier sich nicht wieder zeigen würde. Diesem frommen Wunsch entsprach vieles, nicht aber mein Kobold.
Irgendwann hörte ich auf an ihn zu denken, konnte die Sichtungen zuweilen vergessen. Nicht aber für immer. Das Angsttier in mir schien ihn letztlich doch zu rufen. Eines Abends war ich allein unterwegs gewesen, wie manch frei lebende Menschen so sind. Taumelnd – nicht alkoholisiert – schlenderte ich durch die unlichtdurchflutete Straßen meiner Stadt, auf dem Heimweg über die Brücke. Vielleicht hätte ich den Ort an diesem Abend meiden sollen. So trat mir ein seltsam gekleideter Mensch entgegen. Für diese Stadt und für die moderne Zeit nichts ungewöhnliches, wären da nicht seine kaum erkennbaren Hände gewesen, die aus dem Mantel hätten heraus scheinen müssen. Ich hob langsam meinen Blick, musste ihn jedoch schnell wieder senken, da mich etwas in den Augen des Mannes irritierte: Sie reflektierten grell Licht, das nicht da war. Sie leuchteten gerade zu in einem sanft goldenen Licht, diese atemberaubenden Ringe um die dennoch unverkennbar schwarzen Pupillen. Waren das Kontaktlinsen? Noch während der Fremde an mir vorbei wankte, spürte ich wie intensiv er mich musterte. Dies war kein gewöhnlicher Witzbold, der seine Umwelt zu provozieren versuchte. Dieses Wesen war mehr. Zugleich womöglich kein Mensch, noch weniger als das. Unter der Brücke begannen die Laternen zu flackern, eben als er den Linken an mir vorbei setzte. Knurrte. Sein Mantel schleifte einige Zentimeter hinter ihm her. Ich erinnere mich, wie ich darüber nachdachte, warum ein Mensch so ein furchtbares Kleidungsstück überhaupt trug. Schnell versuchte ich den Vorfall zu vergessen. Noch einige hundert Meter und etwa drei Hausecken trennten mich von meiner Haustür. Von weitem war nichts zu erkennen, als ich den Blick zielsicher an das Haus heftete in dem ich wohnte. Der Lichtkegel davor schien beinahe normal zu sein, orange und schwach, wie immer. Und dennoch fiel mir beim verändern des Blickfeldes eine Bewegung auf, die nicht dorthin gehörte. Noch drei Schritte. Und dann noch einen. Angst hielt meine Beine fest. Ich sah mich um, versuchte mein Hirn zu beruhigen, bevor es endgültig aus seiner Truhe zu springen vermochte. In der Hand drehte ich bereits den Schlüsselbund immer und immer wieder, um meine Nervosität ein wenig zu entspannen. Noch ein Schritt. Und hinter mir fiel er.
Ein lautes Knallen als sei die Laterne umgefallen, breitete sich in der Straße aus. Nichts rührte sich. Verängstigt nahm ich endlich meine Beine in die Hand und wagte die letzten Schritte bis zur Tür. Doch es war schon zu spät. Sie ließ sich nicht öffnen. Mit aller Kraft drehte ich den Schlüssel, drückte, schob und hämmerte mit meiner Schulter dagegen. Eben als ich zu einem neuen Schlag ausholen wollte – ohne dass ich sie berührt hätte – prallte sie auf. Und mich funkelten zwei lichtreflektierende Augen an. Er streckte die Arme aus, trat auf mich zu und alles was mir einfiel, war zu rennen. Für einen Schrei blieb keine Zeit. Ich drehte mich um die eigene Achse und rannte soweit mich die Beine trugen. Egal was ich tat. Er war dicht hinter mir.
Schließlich hastete ich an einer kleinen Sackgasse vorbei. Aus den Augenwinkeln sah ich seinen Blick mich anspringen, taumelte zur Seite und stürzte.
Er stand über mir, bedrohlich, schwarz, unnahbar. Streckte die Hand nach mir aus. Und zog mich, wie ich mich auf dem kalten nassen Boden zusammengekrümmt hatte, auf die Beine. Mein verwunderter, panischer Blick wurde nicht beantwortet. Stattdessen, legte er mir etwas in die Finger, das ich später als eine Art Amulett identifizierte. Während ich noch auf das dunkel schimmernde Kristall starrte, löste sich der Schatten vor mir auf. Als ich wieder nach oben blickte, tat sich vor mir das Licht der Straße auf. Elektrisches Licht, wie es stärker nie gewesen war. Mit zitternden Knien wandte ich mich nach Haus.

© ShaitanJr, 17.7.2012

To be continued…

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