Ein Wort. Phönixherz.

Posted in Kurzgeschichten on 2. Mai 2012 by nonesense

Vor ein paar Tagen suchte mich die Sehnsucht zu sehr heim und ich kam nicht umhin diese Geschichte niederzuschreiben. Nun ist sie auch in digitaler, etwas verbesserter Form lesbar. In Gedenken an meinen Phönix…

Phönixherz

Einst gab es in der Wildnis nur uns. Den farblosen Drachen der Nacht. Und das lichtvolle Ich. Es war in ihm, was mich bekämpfte. Ich war einst seine Seele bis in jene schicksalhafte neue Ära hinein.
Flucht hatte uns geprägt. Ständig fühlte sich mein farbloser alter Drache gejagt von der Zeit. Ich sprach alsbald zu ihm, erlöste ihn für Augenblicke von der inneren Einsamkeit, die ihn nicht losließ. Denn sie schärfte auch mich und ich ertrug es nicht in ihm zu sein, wenn er sich quälte.
Immer öfter aber verzehrte es mich selbst nach der Freiheit, die ich so sehr an ihm liebte. Er war stark. Meine Aufgabe war es stets, seine Kraft zu kontrollieren. An dem ersten Morgen aber suchte ich nach Mut. Wollte ich es jemals schaffen wie er zu sein, musste ich mich befreien. Mut beweisen und aus ihm und der funkenlosen Finsternis ausbrechen. Gegen sie ankämpfen.
Ein greller Blitz tönte unter uns, als wir dem Geruch folgend uns dem Beutespiel anschlossen. Jagdfieber, Mordlust und animalischer Hunger gierte in ihm. Und sein ewiger Hass gegen mich. Endlich einmal durfte ich ihm nicht im Weg stehen, wenn er seine blanken Krallen dem Opfer entgegenhielt, kreischenddrohend das Maul aufriss und mich mit taktischen Gedanken schwindelig machte.
Hin und her gerissen zwischen der Liebe zu dem Leben das wir auslöschen würden, dem schwelenden Misstrauen gegen ihn und alles was uns umgab und der beflügelnden Lust frei zu sein holte ich meinen Geist aus dem seinen zurück. Das Reh sprang um sein Leben, hetzte über umgestürzte Bäume und floh alsbald vor einem niedergestreckten Einhornkadaver. Nicht für alle war dieses Land ein Reich voller sich erfüllender Träume.  So auch nicht für mich. Das war es was ich fühlte, eben als die unheilvolle Stunde uns ansah. Sein letzter Schrei gellte weit über den Horizont, als ich mich aus ihm löste und ihn mit den Worten: „Kämpf um mich!“ einen Gnadenstoß verpasste. Ich war frei! Aus seinem Kopf erhob ich mich, sah ihn schmerzerfüllt hinab stürzen in das endlose Buschwerk. Sah das Reh, wie es sich noch einmal panisch umwandte, bevor es hastig hinter dem nächsten Strauch verschwand.
In meinen Augen verstarb die Nacht, als sich meine neuen Schwingen gewaltig ausbreiteten. Meine Krallen sich in rascher Folge schärften und nun ein krummer, glitzernder Schnabel meinen Gedanken Töne verlieh. Unhörbar rauschte ich durch diese Luft, die ich jetzt allein beherrschte. Schob Licht vor mir her und verbreitete auch unter den Vögeln die Kunde eines neuen Retters. Bald schon würde diese Welt für mich und alles in neuem, feurigem Licht erstrahlen. Hinter dem Horizont blieb ich hängen. Schlug mit den Flügeln nach den Wolken und stürmte mit der See. Das war alles was ich je gewollte hatte. Licht, Wärme, Freiheit… Liebe.

Viele Jahre lang herrschte ich so glücklich am Himmel. Bis ich auf der Erde fremde Kreaturen entdeckte. Versuchte sie zu jagen, doch ich fing sie nie. „Phönix“ nannten sie mich. „Halbgott“. Bei diesen wunderbaren Worten reckte ich den Hals und ließ meine Federn besonders hell glühen. Sie glänzten und leuchteten mir einen völlig neuen Weg. Hier nun wuchs Freundschaft. Tag für Tag kehrte ich zurück, beobachtete sie und zeigte ihnen meine flammenden Künste. Weinend, staunend, lachend standen sie da. Klatschten in die Hände, warfen sie in den Himmel oder falteten sie in stiller Ergebenheit vor dem Schauspiel, das ich ihnen bot.
Eines Tages aber kehrte das Unglück zurück. Ich setzte zum letzten Flug an, hörte schon aus der Ferne ihre Rufe. Etwas zog mich dort hin wie es stets war. Dann brauste der Wolkentanz um mich auf.
Mitten in die Blitze zog es mich, wie schon so viele Male. Blies mir die Federn auseinander, Luft zwischen die Kiele. Doch schnell war ich umringt. Diese Falle war mir neu. Ich fand nicht mehr hinaus und es wurde schwärzer um mich. So stark ich auch Flammen spie, heller wurde es nur in den Augenblicken, da Blitze durch mich strömten. Die Sicht schwand ganz langsam hinter Rauch, Farben und Finsternis dahin. Verzweiflung schrie ich mir aus dem Leib, flehte meine Freunde um Hilfe an.
Ehe ich mich versah, schlich sich ein Holzpfeil an. Mein einst so prachtvoller Federschweif bremste meine Reaktion. Noch ein wütender Schrei, kämpfte mit allen Kräften und sank nieder in den Schoß der Welt.
Sie kreisten mich ein, die die ich stets „Freunde“ nannte. Mit zaghafter Hand rissen sie an meinen feurigen Daunen, warfen sie lachend in die Luft und tanzten. Zwei meiner Federn fielen diesem Mann aufs Haar. Erschrocken und fasziniert berührte er sie mit den Fingerspitzen. Hob sie auf und betrachtete sie eine Weile, während die anderen ihre Blicke von mir lösten. Sie sahen zu ihm auf.
Dann trat er zu mir. Legte die Linke an den Pfeil, der noch immer meine Rippen spreizte. Der Mensch sprach leise zu mir.
„Du, der wir dich Phönix nannten, bist für uns ein Halbgott gewesen. Doch deine größte Dummheit ist dein Stolz.“
Empört bäumte ich mich ein letztes Mal auf. Hielt ihnen meine Tränen entgegen und starb, so wie auch der farblose Drache gestorben war. Im fremden Element. Und einsam.

© ShaitanJr, 25.4.2012

Nachruf für den besten, einzigwahren Highlander.

Posted in Uncategorized on 10. April 2012 by nonesense

An diesem schweren Abend gehe ich einen Weg, der mir Befreiung, Erleichterung aber auch noch mehr Schmerz und Trauer bringt. Ich setze einen schweren Stein mit Gravour für meinen Liebsten

Mario Wolodja „Wody“ Hartmann
geboren am 10.4.1965
gestorben am Ostermontag, 10.4.2012

Mein Highlander… Du wolltest unsterblich sein. Dies nun ist der Moment in dem ich weiß: Dein Wunsch ist erfüllt worden. Du wirst immer unsterblich sein.
Ich liebe dich einfach so sehr.
Was uns widerfahren ist kann man Glück, Schicksal, Zufall nennen. Du nanntest es Schicksal. Es hat dich zu mir geführt. Unablässig. Wir sind gegen alle Regeln miteinander gegangen, haben Änsgte bekämpft und Erlösung gefunden. Nun lässt du uns zurück in stiller Trauer.
Wie der Phönix der du immer warst, hast du dich aus der Asche hinauf gekämpft und bist auferstanden um der meine zu werden.
Mit mir trauern deine Kinder, deine beste Freundin, deine Geschwister und viele weitere Freunde.

An diesem deinem letzten Abend hast du mir versichert, dass Satan dein Feind ist und dich immer wieder versucht aus der Bahn zu werfen. Vielleicht hast du einen Pakt mit ihm ersonnen? Wolltest du zum Augenblicke sagen „Verweile doch, du bist so schön“, so solltest du untergehn. Viel weniger poetisch war dein Leben, welches ich stets aus weiter Distanz wahrgenommen habe. Drogen und Gewalt haben dich geprägt. Man hat schlechtes über dich gesprochen. Man hat dich verurteilt. Und nun das.

Ich werde niemals den 11.3.2012 vergessen, da du mich das erste Mal besucht hast. Diese Gespräche werden mir fehlen!
Dieses Ostern nun hat uns zusammengeführt und entzweit. Obwohl wir äußerlich doch so wenig zueinandergehören zu schienen, haben wir uns angezogen. Tag für Tag mehr. Ich konnte nicht mehr essen und nicht mehr schlafen, so sehr vermisste ich dich. Mit jeder Faser meines Herzens sehnte ich mich nach dir, und du dich nach mir. Der unheilvolle Morgen brach an. Niemand wird je verstehen, was dich dazu gebracht hat, dermaßen viel Alkohol zu konsumieren. Du sagtest, du wolltest nur Mut antrinken. Starker Wolf, Highlander… Du hattest mehr Mut als ich in meinem ganzen Leben. Der Alkohol machte dich krank, wirr und unbeherrscht. Bei unserem Treffen an diesem einen letzten Tag am 9.4. warst du so aufgeregt, dass ich Angst haben musste, dein Herz würde zerspringen. Die Furcht war nicht unangebracht.
Wir hatten so eine wunderbare Zeit zusammen. Wie gern wäre ich mit dir und deinem Hund Charlie über die Felder spaziert. Wie gern hätte ich mit dir die nächtlichen Waldwinkel erkundet!
Du brauchtest noch mehr Alkohol und die Zigaretten taten ihr übriges. Du warst zu alt. Sehr sehr alt. Aber auch kindlich naiv.
Wir gaben uns der Schönheit des Abends hin, bis du mehr Alkohol brauchtest. War es wirklich nur die Feierlichkeit deines nahenden Geburtstages, welche dich nach draußen trieb?
Ich bin sehr froh, dass du in meine Arme ein letztes Mal zurück gekehrt bist. Sie werden dir stets offen entgegen kommen. Auf dass du weitere 480 Jahre auf Wolke 7 verweilst und auf mich wartest. Ich werde nie vergessen, wie sich unsere Lippen ein letztes Mal berührten. Deine wunderbaren tiefen Ozeanaugen mich einsogen, die vielen Worte, die du mir hinterlassen hast.
„Sterben ist schön“, hast du gesagt. Ich hoffe so sehr, dass du Recht behalten hast.

Auch wenn wir nur einen Tag mit einander genießen konnten, bevor dich das Weiße Laken bedeckte, ist meine Liebe für dich unglaublich stark. Es heißt, man trifft nur ein einziges Mal im Leben den Menschen, der zu einem gehört. Ganz wirklich. Ich glaube daran, denn dich gab es nur einmal. Du wirst immer unersetzlich bleiben, mein starker Krieger. Ich vermisse dich jetzt schon und warte auf eine wunderschöne Ewigkeit mit dir…
Bis dahin halte ich dir meinen Blick entgegen, damit du mich niemals verlierst. Dieser Film ist ganz allein unserer.

niemals waren wir uns nah
zogen durch ein eisiges all
lautlos
auf ellipsenförmigen bahnen
um eine verglühende sonne
langsam verbrauchten wir an ihr
unsere fliehkräfte
fortwährend
bis zu dem tag
an dem sich unsere wege
kreuzten

da
warf unsere anziehungskraft
uns aus den bahnen

nun
stürzen wir zusammen
brennend durch das all
zwei schweifsterne im sonnenwind
immer weiter und weiter
der erde entgegen
von der wir mit bloßem auge
schon zu sehen sind
~bodenski~

Du wolltest mich so vieles lehren. Gelernt habe ich nun, wie wunderbar wahre Liebe sein kann, wie sterblich Menschen sind und um wie viel ich meinen Abstand zum Alkohol vergrößern muss.
Du warst überzeugt davon, unsterblich zu sein, wilder, sturer, liebevoller, sanfter Highlander. Nun bist du es. In meinem gebrochenen Herzen noch viel tausend Jahre lang.

Man wecke den Drachen…

Posted in Uncategorized on 20. März 2012 by nonesense

An diesem Morgen juckt es mich in den Fingern und es wird tatsächlich auch mal Zeit, dass ich ein wenig aktiver werde.

Die letzten Wochen gingen für Recherchen und Planungsarbeiten zu meinen großen Romanen drauf und diese Phase ist auch noch längst nicht abgeschlossen. Deshalb gibt es derzeit keine neue Shortstory von mir. Allerdings hege ich heute große Gefühle, die ihren Weg in die Sin-Dra-Welt finden müssen.

Über ein Jahr gibt es nun ein Projekt schon, das langsam beginnt, mächtig zu wachsen. Um diesem Umstand gerecht zu werden, will es an dieser Stelle erwähnt werden. Seit Juni letzten Jahres bin ich Mitglied im Gothicverein Weltenfinsternis und habe schließlich einen Posten im Vorstand bezogen, wo ich es mir bereits gemütlich gemacht habe. Aber nicht zu gemütlich, denn die Kernthematik des Vereins lädt sicherlich nicht zum Ausruhen ein. Seit es diesen Blog gibt, bin ich als Autorin offizieller Partner und Unterstützer des Gothicvereins und engagiere mich somit effektiv für Kinderhospize und Kinderkrebsstationen in Deutschland – und natürlich auch für „meine“ Szene.

So traurig dieses Thema ist, so viel Aufmerksamkeit sollte ihm auch geschenkt werden. Tod ist eine ernste Sache, die niemand wegschieben sollte. Gerade die Menschen, die in solchen Situationen hilflos allein gelassen werden, weil sich andere nicht zuständig fühlen, brauchen unbedingte Tatkraft und Anteilnahme.
Aus diesem Grund möchte ich an dieser Stelle darauf aufmerksam machen, dass der Gothicverein kurz vor der Eintragung ins Vereinsregister – und damit dem begehrten e.V. steht. Mitgliedschaften sind in der Regel kostenlos und bedingen keiner Versammlungen zu denen man eine lange Reise antreten muss – die internetfähigen Menschen sollten mit ihrer Technik bestens ausgerüstet sein.

Es tut niemandem weh, aktiv zu werden und einen Teil beizutragen. Weh tut viel mehr das Wegschauen und Verdrängen. Wer sich nicht für eine aktive Mitgliedschaft begeistern kann, hat sogar die Option einer einfachen Registrierung auf unserer Homepage um somit an der Community teilzuhaben.

Hier nochmal die Adresse des Gothicvereins:
http://www.gothicverein.de

Unser Team freut sich über jede Unterstützung.

Sayyal V

Posted in Kurzgeschichten on 7. Dezember 2011 by nonesense

Flugsturz und ein Ende

Und wenn mich Nacht vergessen lässt, wo ich einst war. Nur einen Funkenschlag entfernt landet er. Sayyal. Wir bewegen uns auf keinen Horizont mehr zu. Nichts schwirrt um uns, der Wind hat seine Pforten geschlossen. Nun steht es da, wie die Angel des Fischers, die sich im Wasserlauf nur zwangsweise zu rühren wagt.
Wo wir sind, frage ich. Sayyal nickt nur. Er hat verstanden. Aber antworten, das wird er nicht. Nur zu, sage ich. Nur zu. All die Zeit habe ich mich daran gewöhnt, ihn mit stillen Regeln zu verdammen und zugleich in der Sonne den Göttern zu weihen, als Gabe der Natur. Sayyal fliegt nicht mehr. Ich stehe am Turm und beschaue mir seine Flügel. Ein Traum hat dies angerichtet: Sie sind zerkratzt, an einigen Stellen ist die müde Haut gerissen. Wiederum ist an anderen Flecken etwas erkennbar geworden, unter der Haut, etwas fast menschliches. Dabei sind wir doch nicht das, was man uns heißen mag. Wir sind Träume, nur Gedanken und Lehnwünsche. Aber woher dann der Schmerz? Sayyal fragt nicht. Er erträgt seine Bürde und lässt mich machen.
Der Turm steht etwas geneigt gegen die Wolken da und berührt zu manchen Zeiten eine kleine Ansammlung von ihnen. Und wir, wir Träume hier draußen, wir sehen nicht ein, den letzten Weg hinein zu gehen. Zu lang haben wir gelebt und gelitten, zu schnell trug der Wind Sayyals starke Schwingen über die Ozeane von Gedanken und Wälder voller ungeduldiger Marder.

Ob wir nicht längst des Träumens müde werden, will man wissen.
Dabei kann man doch gar nicht fragen, nicht Antwort erwarten. Träume sind was sie sind und sie haben verstanden. Anders als so manch träumendes Wesen verschwenden sie keine Zeit und keinen Unrat darauf, sich mit Wissen und Magie zu füllen, nur um einmalst das Licht erkennen zu wollen. Nein, wir Träume, wir greifen nicht nach den Tagen da die Nacht unser Untergang ist.
Sayyal weiß wovon ich rede. Der Untergang. Der Turm. Wie kann man einen Turm da stehen sehen, wenn man doch schon im Nichts gefangen sein müsste? Die Logik der Menschen lehrte uns zuviel.
Der Schrei des großen Drachen malte meine Schuppen noch finsterer zu. Ich lud seine Pein auf mich, der ich der einzige Fühlende bin. Sayyal ist schließlich nichts, als ein Haufen Moral und etwas heiße Luft.
Sollten wir den Turm betreten? So ergibt sich eine neue Sicht. Die Reise ist zu ende und auch das Wissen um die Kunst des Schlafens. Gleichzeitig ist es eine Erlösung für all jene, denen das Träumen von und mit uns so viel Kummer eingebrannt hat, dass nicht einmal ein Leben danach sie milde stimmen könnte.
Wir oder sie. Wir und unser Leben, das wir lieben. Sie und ihre Träume, die sie loswerden müssen.
Ich wende mich dem kalten Turm zu, lausche auf Sayyals Rufe und warte auf die Gelegenheit. Irgendwo pickt ein Vogel gegen den Raum, von außen. Er erwartet wohl, dass wir gehen. Noch einmal betrachte ich meinen Drachen, der längst zusammen gebrochen dem Ende entgegen weilt. Beiße mir auf die Lippen. Singe das Letzte Lied, wie es von den träumenden Vorfahren überliefert wird. Der letzte Gnadenstoß und ein freiwilliger Wechsel hinüber vom Nicht-sein ins Nicht-mehr-existieren. Sayyal ist froh drum. Ob die Träumenden uns das nun danken?

© ShaitanJr 23.4.2011

Sayyal Teil IV.

Posted in Kurzgeschichten on 24. November 2011 by nonesense

Windwest gen Norden

An Tagen wie diesen stehen die Traumgeister erwartungsvoll da. Sie glotzen und halten sich die fahlen Hände vor ihr loses Mundwerk, bevor auch nur ein Wunsch ihnen entrinnt.
Ich sehe sie von oben, zwischen den sanft gerollten Hörnern meines Drachen hindurch. Mit weit gespannten Flügeln bereiteten wir uns auf den Abschluss einer Reise vor und harrten der Dinge die nun kamen. Doch nichts kam.
Es war bereits geschehen. Die Gruppe von Traumgeistern und ihr Gevieh hatten sich versammelt, erlebten jetzt offenbar eine fremde Emotion. Wie konnten sie zulassen? Im ersten Augenblick, da Sayyal den Boden berührte, erkannte ich schon, was uns begrüßte. Ein Kopf im Sand. Nicht irgendeiner. Traumsand. Und darin schwamm wie in Tränen der verlassene Kopf eines Jungen.
Was hatten wir nur falsch gemacht? Hatten wir nicht geglaubt, das Paradies gefunden zu haben? Hier nun vor uns erstreckte sich ein Sandkornfeld. Darin mittens lagen diese Augen zwischen faltiger Haut und erstarben in unseren Herzen.
Sayyal ließ mich hinunter, legte seine Schwingen an das lederne Fell und schloss furchtvoll die Augen. Er spürte jene Bewegungen in den Sphären, die kalte Donnerluft und die Brandung der Seelen. Es musste ihn schmerzen, sehr schmerzen. Wie er hier stand, neben mir standhielt und meine Schritte ins unermessliche verfolgte. Ich beugte mich hinab. Bat den Wind ein letztes Mal Wärme in diesen Kopf zu blasen. Und reute nicht. Die Haut errötete und ließ mich frösteln.
Wie konnten wir Träume, die wir nur da sind, nicht einmal Gefühle haben, wie konnten wir stehen und einfach da stehen? Es war geschehen. Die Katastrophe hatte sich ereignet und dieses Wesen dessen Hände sich stets um unsere Herzen geschlossen hatten, lag nun ausgebreitet vor uns wie mit kalter Schwärze da.
Hinter mir erbebte die Erde, als Sayyal einmal wissend schnaubte. Was hatten wir getan?
Endlich brach Geschrei los unter den Brüdern der Träume. Sie störten sich nicht, dass ich in ihrer Mitte stand und darniederbrach. Es war mein Blut gewesen, das hier nun vergossen lag. Und es würde meine Seele sein, die sich in den Weiten des Sandmeeres durch die Fluten kämpfen sollte. Entgegen dem Sturm. Entgegen der Zeit. Alles noch einmal von vorn. Hörten sie nicht den Mond, wie er am Flaschenzug über die Sonne gehoben wurde? Fühlten sie nicht auch in sich was sich meiner nun gewaltsam entzog?
Ich war nur ein Traum. Und ich hatte Ziele. Ich war nur ein Traum, der liebte. Meine Liebe kannte keine Grenzen und führte mich so oft weit hinter den Horizont. So weit weit fort. Jetzt lag sie vor mir im braunen Gemisch aus Steinen. Nicht mehr hinter der Schattennarbe, nicht mehr vor dem Licht. Sayyal senkte die Stirn und erhob ein laues Flüstern. Und es führte mich fort von der Seele, die einmal mein gewesen war. Der Junge, das was wir von ihm als letzte sahen, der ward begraben, in einer anderen Welt. Und so trug mich mein Freund, der Drache, hinüber zur Stadt. Lass dir einen neuen Jungen suchen, sprach er hinter mir zu. Wie hätte ich das ertragen können? Wie konnte ich leben?
Nichts mehr lebte in mir. Ich fühlte mich ebenso tot wie mein Freund, der Wind. Wind, der gleichsam atmete und nie aufhören konnte. Und trotzdem in seiner Angst und seinem Willen so sehr allein zu einsam war.
Ich bat den Drachen, mich abzusetzen, kurz vor den Brandmauern der Häuserwelt. Bis hier hin. Nicht weiter durfte ich hinein in eine Welt, in der Versagen nur vernichtend betrachtet wurde. Die großen Augen, Sayyals Blick, nährten meine Angst nicht, aber sie schürten auch kein Feuer. Unter dem Apfelbaum dort hinten erwarteten wir die kommende Nacht.

24.6.2011 © ShaitanJr

Sayyal Teil III. Viel Spaß!

Posted in Kurzgeschichten on 24. November 2011 by nonesense

Diesmal sag ich nichts dazu.^^

Im Geist des Einen

Mit der letzten Erfahrung hat mich Sayyal bestätigt. Es war seine Zeit gewesen. So ist es, Tod und Leben liegen so dicht bei einander. Auch für Träume gibt es nur diese eine Möglichkeit. Wie schön wäre es, man könne das ewige Leben träumen, sagt ihr. Die Menschen unter uns zerren die warmen Winterdecken an die nackten Seelen um sich, um wenigstens den Traum von Einsamkeit zu vergessen. Ist das eure Vorstellung? Ewiges Leben in stetiger Einsamkeit?
Auch wir können einsam sein. Einmal musste ich Sayyal schon stehen lassen an zu heißen Winden. Die Wachsflügel hinter seinen Lederschwingen hätten ihm schmelzen können. Die Luft war zu stickig. Wir befanden uns in einem Traum, etwas das ihr Alptraum nennt. Der Mensch darin – es war nur ein Kind – schrie sich die Lungen wund. Und wir saßen in eben diesen Lungen, hauchten so stark wir konnten das Leben hinein. Um uns herum brannte die Haut nieder, Seelenstaub verflocht zu einer einzigen Masse. Diesem einsamen Kind konnten wir nicht helfen. Damals waren wir gerade erst zusammen gekommen, auf einander gestoßen, gemeinsam geboren.
Dieser neuerliche Flug durch die Hirnwelten hinter all den verschlossenen Türen zog uns mit zielstrebiger Sicherheit auf die Einsamkeit zu. Diese Frau, die wir gleich besuchten, verabscheute Fremde. Würde sie uns einlassen? In ihrer endlosen Verbitterung würde sie nicht erkennen, wer wir waren. Vorsichtig setzte mein Drache zur Landung an.
Schon kühlere Winde schrien uns entgegen, hier waren wir richtig. Aus meinem Traumbeutel suchte ich nach etwas, das dieser Frau wieder ein wenig Leben schenken konnte. Da! Ein Traum. Ein kleiner nur, aber mit einem menschlichen Wesen darin. In dem Traumglas hatte mein Großvater einst einen Menschen gefangen, der seine Seele fort geschmissen hatte. Nun war es an der Zeit,
diese frei zu lassen. Sie sollte der Frau die starre Ewigkeit nehmen und die triste Frostlosigkeit ausschmücken.
Durch einige Gänge mussten wir wandern. Sie waren mal breit und gewölbeartig, dann wieder schmal und von abweisend vermodertem Stein. Hier also fanden wir die Abwehr der Frau bereits bröckelnd vor. Schließlich überlistete sie uns. Die Gänge wurden heller, aber auch enger.
„Da vorne kann ich nicht weiter. So sehr ich mich auch anstrenge, durch diesen Gang werde ich nicht passen.“
Sayyal bekam Panik, dass wir es nicht schaffen würden. Auch mir wurde bange. Eben als die Wände sich zum Gang hin verjüngten, drehte ich mich zu ihm um und blickte in die mondleeren Augen. „Was nun mein Freund?“
Ein wenig sprachlos stand er da mit seiner verbogenen Zunge. Bald legte er den Kopf schief zur Rechten, bald neigte er ihn zur Linken. „Du musst.“ Die Worte hallten in mir nach bis sie echoend verklangen. In den besorgten Augen des Drachen fand ich mich wieder, verlor den Halt und krallte meinen Blick in den seinen. Allein konnte ich nicht weiter gehen. Fühlte in mir die Feen tanzen vor Schadenfreude. Ich wusste, dass dieser Frau nur unser Traumglas helfen konnte. Doch hier würde sie es nicht sehen können und der gefangene Seelenwanderer würde verschwinden, in den Untiefen des Labyrinths. Langsam nickte ich.
An dieser Stelle musste ich. Einsamkeit schmerzt. Aber mir blieb keine Wahl. Wollte ich die einsame Welt der Menschenfrau retten, würde mein kleines Traumsein dafür herhalten. Ein letzter verzweifelter Kuss unserer Blicke und Sayyal schloss die Augen.
„Geh“, sprach er. „Geh, lass die Welt ihren Frieden finden. Ich warte.“
Mit neuer Zuversicht und dem Vertrauen auf die Sicherheit dank Sayyals Vorhersagen trat ich durch den Flur. Schmaler und schmaler wurde er, die Decke sank herab. Irgendwo endete der Schlauch und deutete auf das Herz der Frau. Endlich der richtige Anlaufpunkt. Von diesem Ort aus würde der Gefangene nicht weit fliehen können, sondern musste seine Aufgabe wahrnehmen. Es lag nicht an mir, ihn hier zu behalten. Aber wenn es der Frau half, so wollte es auch mir helfen. Mich verzehrte stark nach Sayyals Anwesenheit, seiner Ruhe und seinem Schutz. Seinem klaren Verstand und seiner Schönheit. Mit Bedacht wog ich die Traumkugel in den Händen. Sie wurde warm. Jetzt oder nie.
Kräftig holte ich zum Wurf aus. Der Krach des platzenden Glases weckte die Frau, sie zitterte. Doch ab hier konnte ich nichts mehr für sie tun. Nur noch fort, zurück zu meinem Drachen! Den Weg fand ich nun nicht mehr so leicht, die Gänge verschoben sich immer öfter, nun da die Frau den Tiefschlaf verlassen hatte. Jetzt wirkte der Traum. Ich musste raus, sonst würde ich binnen weniger Sekundenbruchteile mit dem Traumglas verdampfen. Ein Magnet dockte hinter meinem Traumsein an. Sayyal. Ich konnte aufatmen. Er führte mich zielsicher durch die Steinformationen bis ich an den großen Höhlen stand, in denen Sayyal auf mich wartete.
„Lass uns verschwinden. Der Auftrag ist zu riskant. Wir haben unsere Aufgabe erfüllt, den Rest muss sie allein schaffen.“
Würde sie es schaffen oder versagen wie jener Alte, dem wir das Lebenslicht sanft gelöscht hatten?
Mit vereinten Kräften schwang Sayyal die vier Flügel und raste gerade zu aus den Grotten. Es war knapp, denn hinter uns begannen die Farben einzustürzen und die Wände bröckelten. Bald sollte von all dem nichts mehr übrig sein. Endlich durchbrachen wir die letzten Wälle der Feen, bis wir über der Stirn der Frau zu Atem kamen. Es war gut gegangen. Dank Sayyal.

Die Frau begann zu zwinkern. Das Zittern und Zucken einiger Muskeln machten uns klar, dass sie aufwachte. Und grinste. Hatten wir alles richtig gemacht? Ja, der Traum war richtig gewesen. Sie hatte ihren Traumpartner gefunden. Dank uns.
„Wir haben es wieder einmal geschafft. Sayyal, lass uns nun beidrehen und die Frau mit ihrem Glück allein.“ Tatsächlich entfernten wir uns ein weites Stück von ihr. Aber das Licht und die Freude, die sie ausstrahlte, fühlten wir noch in den letzten Winkeln unseres Seins.

29.7.2011 © ShaitanJr

Sayyal Teil II. Bitteschön. :)

Posted in Kurzgeschichten on 24. November 2011 by nonesense

Und hier nun also geht es weiter.
PS: Wer nach einer speziellen Geschichte sucht, kann dies in der Kategorie Kurzgeschichten auf der rechten Seite im Menü tun oder die Suchfunktion benutzen.

Traumgeister im Höhenflug

Sayyal spannt seine Flügel aus. Wir heben ab, mein Drache und ich. Nichts hält uns mehr, wenn wir die Nächte hindurch zwischen den Köpfen hin und her springen. Gestern haben wir den Horizont gesehen, heute sind wir schon so viel weiter.
Der Wind fegt an uns vorbei. Niemand begegnet uns in der Einsamkeit.

Weißt du“, sage ich zu ihm, „warum der Wind uns nur flüchtig begrüßt und schon verfliegt, sehen wir ihm nach?“
Sayyal hebt den Kopf; ich kraule ihn über die schuppige Haut.

Ja“, finde ich. „Ja, es ist der Grund, es muss jener sein.“ Fragend blickt mein Drache der Sonne entgegen.
Weißt du, wenn die Elfen fliegen, an einander sich mit den Händen halten, den zarten. Dann schweben sie kraft ihrer Leben und versammeln sich in den Lüften. Sie kommen uns zwischen die Augen, wir sehen sie doch nie.“
Auch Sayyal hat verstanden.
Unter uns erstreckt sich ein Blau, das der Nacht den Atem raubt. So grün verschwimmen Felder und moosbewucherte Ufer, dass man nichts mehr sonst erkennt. Zu hoch haben uns die Elfen bereits getragen, zu schnell sind Sayyals Flügel für meine Augen.
Und sie beginnen um uns herum zu tanzen. Wirbeln einige leere Blätter aus den Baumkronen auf, versprühen Wassertröpfchen. Sayyal hat Wasser im Gesicht, es rinnt im die Wangen entlang bis über die zarten Spitzen der Hörner. Ein gewaltiger Flügelschlag und wir stürzen hinab, immer schneller durch die tobenden Massen der Elfen. Ich drücke mich an ihn um nicht herunter zu fallen, kraule ihm wieder sanft den Nacken und warte darauf, dass wir ankommen.
Es knallt und wir stehen. Im Dunklen. Etwas eingerostet erhebe ich mich und steige von Sayyals Rücken. Hier sind wir also, im Kopf dieses Mannes. Wieder einer jener, denen wir Träume bringen. Und diesmal schläft er schlecht. In einer noch finstereren Ecke kauert er, hält die Knie ans Kinn gedrückt und wiegt sich mit starrem Blick hin und her. Er ist hilflos, wenn wir ihm keinen Traum geben. Es zerreißt mir das offene Herz, dass er so stumpfsinnig ist. Gleich wird er wieder fühlen. Aus den Taschen suche ich nach dem passenden Traum und lege die kleine Traumkugel vor ihn hin. Endlich hört er auf, sich hin und her zu wiegen. Sieht mich mit noch leeren Augen an und beginnt, die Kugel zu betasten. Ja, er ist blind. Wenn er nach dem Abenteuer wieder hier her zurückkehrt, wird er sehen. Sayyal hinter mir beginnt zu kichern. Er ist froh, wenn der einsame Mann bald wieder sieht. Nun aber keine Zeit verlieren! Der Mensch ist im Begriff, die Kugel in die Hände zu nehmen und seine Traumreise zu beginnen. Hier dürfen wir nicht stören. Was sollen Traumgeister auch in einem Traum, den sie kennen?
Der Mann muss das ganz allein schaffen. Mit einem letzten Seufzer verabschiede ich mich und Sayyal spannt wieder seine ledernen Flügel. Die weichen Federn daran beginnen zu schwingen. Jetzt wird es Zeit.

Nun Sayyal, was denkst du? Wird er es schaffen?“, frage ich ihn, als wir wieder unterwegs sind. Kräftig nickt er und spricht unhörbar zu mir. „ WIr waren zu vorschnell. Vielleicht hat er keine Kraft. Dieser Alptraum wird ihn noch mehr erschüttern.“ Verwundert blicke ich nach unten, in die Richtung aus der wir kommen. Ja, Sayyal hat Recht. Er hat immer Recht, kein Zweifel. Wir drehen um.
Tatsächlich finden wir den inzwischen ergrauten Greis hinter seinem Traum wieder. Er hat sich in der Kugel eingeschlossen und rennt an dem Glas entlang um zu entkommen. Etwas jagt ihn. Noch einmal fragend blicke ich zu Sayyal hinüber. Soll ich? Ein mahnender Blick erwidert den meinen. Ich tu es nicht gern, aber ich muss. Kurzerhand nehme ich die Kugel und schleudere sie in den Abgrund. Irgendwo dort unten wird der Mann in seiner Kugel aufprallen, sie wird zerspringen. Und das Leben wird mit ihm aus dem Glasgefängnis fliehen.
Ist es eine Erlösung? Sayyal schließt einmal kurz die Augen. Die Dunkelheit des nahenden Todes holt uns ein.
Von außen sehen wir ihn dann, den Mann in seiner sterblichen Hülle. Er atmet nicht mehr. Aber nun ist die Angst aus ihm geflohen, wir haben es geschafft. Dankbar streichle ich Sayyal über die Stirn und drücke mich an seinen starken Rücken, um nicht von den Elfen niedergerissen zu werden: Wir fliegen. Noch einmal beginnt unsere Reise durch die Häuser der Nacht.

Last Edit: 13.7.2011 © ShaitanJr