Archiv für März, 2015

Grau. Eine Kurzgeschichte.

Posted in Kurzgeschichten on 7. März 2015 by nonesense

Windstill liegt die Nacht, als der Mond sich hinter dem Horizont erhebt. Eine Schattengestalt bewegt sich unmerklich zwischen Hauswänden und Steinlawinen, flüchtend, huschend, heimlich. Wovon wir nichts wissen, ist die Tragik der Einsamkeit. Es gibt sie dort draußen, die Flehenden und die Naiven. Aber vor allem gibt es eines: die Starken. Sie rennen zwischen den Türmen hin und her und wechseln ihre Posten, schneller als du schauen kannst.
Vielleicht hätte Hugo sich anders verhalten, wenn er nicht stark gewesen wäre. Doch er galt als Musterknabe. Still, sittsam, adrett und zuvorkommend. Nirgendwo nahm man ihm übel, dass die bedeckten Farben seiner Kleidung ein wenig trist wirkten und womöglich hätten in die Altkleidersammlung gehört.
Hugo also, dieser eigenartig gute Mensch, schlüpfte zwischen den Häuserschluchten hindurch. Und da gab es noch ein Geräusch, das ihm folgte wo auch immer er seinen Fuß setzte. Nacktes Hundegebell verdrängte das sommerliche Zirpen der Zikaden in den Vorgärten. Nur allzu perfekt schien die Leere, in die sich der Herrenmensch erschöpft von geistiger Arbeit sinken ließ. Nein, Hugo würde das nicht hinnehmen. Was trieb ihn an, den Sucher, den Hüter und Wächter aller Einsamkeiten? Wahrscheinlich erfahren wir es, wenn wir nur weiter hinsehen. Tief zwischen den Straßenlaternen unter einem glühenden Blutmond trug sich nun folgendes zu.

Scherben barsten. Sicher eine Scheibe, irgendwo im Zwielicht hinter den Mülltonnen. Dies war die Großstadt und wenn man nicht aufpasste, wurde man eben erwischt. Die verletzte Hand schüttelnd, suchte Hugo nach dem Loch, das er geschlagen hatte. Wohlig warm wurde es, drinnen war’s beheizt. Ein Klicken und die Tür mit der viel zu unsicheren Fensterscheibe tat sich auf. Die schweren Stiefel hämmerten viel zu laut über die dunklen Dielen. Es roch nach einer Mischung aus Katzenurin und alter Frau. War hier überhaupt noch was zu holen?
Tante Erna lag inzwischen wahrscheinlich schnarchend unter der Decke. Es würde so einfach sein. Und das war gut.

Der Computer schaltete sich ein. Hugo ließ die Finger über die Tastatur gleiten. Nein, keine Sicherung, kein Passwort. Die Daten waren so einfach zu beschaffen, dass man sich fragen musste, ob der Dame je einmal einer erklärt hatte, dass man seine Daten schützen muss. Ein Pieps aus dem Gerät – Hugo hatte eine Falle erwischt. Und dann kam der Rausch. Wie altgewohnt und unterbewusst tippte der Maskierte in das Bedienfeld ein, was er suchte. Fand den Datensatz und sicherte alle Funde. Morgen früh dann, wenn der Betreuer der Tante Erna hier vorbei sehen würde, sollte nichts mehr zu finden sein – für die Gesetzeshüter nicht, aber auch nicht für Konkurrenz.
Noch ein Klicken und die Tür öffnete sich ein letztes Mal in dieser Nacht, als Hugo auf die Straße trat. Leichter ging jetzt sein Schritt, nur die Hunde bellten noch immer.

Wind hebt sich in dieser Nacht, in der endlich Wolken sanft vorüber ziehen. Tante Erna würde sie nie wieder sehen, aber das konnte Hugo getrost vergessen. Darum kümmern sich eines Tages andere.
Seine Ziele galten der Sicherheit und er war bereit, seine eigene aufzugeben. Die Datensätze in seiner Tasche beschwingten Hugo unter seiner Maske derart, dass er ein Grinsen nicht unterdrücken konnte. Wahrscheinlich atmete er jetzt sogar leichter. Und wieder dachte er an Erna. Wie sie kurz aufgewacht und mit aufgerissenen Augen in die Kissen sank. Wie ihre Hände zitterten. Und er atmete noch immer diesen widerlichen Geruch.

Dabei konnte man sich ausmalen, dass alles nicht umsonst war. Trotzdem wollte er es nicht mehr tun. Alte Frauen zu riechen, war einer seiner größten Alpträume. So alt würde er nicht werden, das war Hugo völlig klar. Aber wer weiß schon, wozu er noch bereit gewesen wäre, wenn wir ihn nicht beobachtet hätten.
Alles was danach geschah, wirkte skurril, wie unter kalt fließendem Neonlicht in einer dicht gefliesten Zelle unter Tage. Das neue Zuhause war nicht groß. Drei Schritte in die eine, fünf Schritte in die andere Richtung. Ein Bett gab es nicht, auch sonst nichts was bequem war. Nur eine Decke, die hatte man ihm zugestanden.
Hugo krallte sich den Stoff. Schloss hartnäckig die Augen. Dachte an Erna, wie sie ihn entsetzt ansah, in dem Wissen, dass ihre letzte Sekunde angebrochen war. Ihren letzten Atemzug konnte sie nicht mehr genießen.

Andererseits musste Hugo sich eingestehen, dass die Häuserflut, in der Erna gelebt hatte, auch nicht viel besser gewesen sein konnten. Alles was sie trieb, war eines. Einsamkeit. Erna gehörte zu den Starken. Sie hatte Geld, Einfluss. Hugo hätte alles stehlen können. Teure Kunst, Wertsachen, Geld. Einfach alles. Aber er nahm das, was ihr das heiligste gewesen war. Ihre empfindlichen Daten. Die Rache tat ihm gut.
Hugo war ein Krieger. Und er holte alles das zurück, was der Sicherheit geraubt worden war. Irgendwann hatten sie ihn auch geholt. Vielleicht – so mitten in der Sicherheit – konnte er jetzt nicht mehr einsam sein.
Zumindest Erna würde er nie wieder vergessen.

(C) ShaitanJr, 7.3.2015

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