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Das Märchen vom Lügengraf

Posted in Kurzgeschichten on 24. Juni 2014 by nonesense

Ich habe mich entschieden, mein Märchen hier hochzuladen, obwohl mir eine neutrale Plattform lieber gewesen wäre. Die Einfachheit der Unternehmung hat mich letztlich überzeugt.
Ich muss darauf hinweisen, dass eventuelle Ähnlichkeiten mit natürlichen, existierenden Personen nur zufällig und paradoxerweise beabsichtigt sind – denn: Das Märchen vom Lügengraf ist nicht nur ein Märchen, sondern auch eine Parodie!

 

Das Märchen vom Lügengraf

Es war einmal im Mittelalter ein kauziger Graf. Der hatte ein wunderschönes weißes Schloss mit vielen Türmen. Viele Bedienstete nannte er sein eigen, prächtige Pferde, teure Waffen und tapfere Ritter. Zu dem Schloss gehörten weitläufige Wiesen, auf denen es im Frühling herrlich blühte und im Sommer hörte man überall die Bienen summen. Die Mädchen waren sehr hübsch und artig, ihren Männern treu ergebene Partnerinnen. Doch all das reichte dem Grafen nicht. Askan von As La Ban langweilte sich in seinem Schloss, die Untertanten kamen nicht mehr so oft um ihm zu huldigen und selbst seine Hunde streunten lieber auf der Suche nach Fressbarem umher als bei ihm zu liegen.
Da lief Graf Askan eines Tages ziellos durch sein Schloss und sann darüber nach, wie er seine Langeweile besiegen konnte. Katzen umschnurrten seine Beine und Kinder rannten spielend an ihm vorbei. Doch all das beachtete er nicht. Askan von As La Ban wusste, dass er alt wurde und in seinem Leben nichts erreicht hatte. Sein Titel und sein Schloss waren geerbt, und all sein Reichtum reichte nicht aus, um seinen Namen im ganzen Land berühmt zu machen. Schließlich setzte sich Askan zu den Kindern, die im Hof spielten. Sollte sein Leben so langweilig weiter gehen?
Da hörte er, wie die Jungs sich etwas zuriefen, als ein Mädchen vorüber schritt.
„Die würde ich so gern mal küssen“, sagte der eine. „Ich auch“, entgegnete der andere. „Lass uns wetten, wer schneller laufen kann. Der, der schneller läuft, bekommt das Mädchen.“
Der Graf neigte den Kopf. Sollte er sich eine schöne Frau suchen, so wie es die Jungen zu tun pflegten? Bald darauf ging er weiter durch seinen Hof. Hier bei den Pferdeställen hörte er zwei Ritter streiten. Der eine schrie: „Du wirst niemals so gut kämpfen wie ich!“ Der andere polterte: „Dafür wirst du niemals so gut reiten wie ich!“ „So lass uns wetten“, sprach der erste Ritter, „damit der, der besser kämpfen und reiten kann, Schwert und Pferd des anderen erhält.“
Über diese Leichtsinnigkeit konnte Graf Askan von As La Ban nur den Kopf schütteln. Doch dann fragte er sich, was diese Männer wohl zu verlieren hätten? In seinem Schloss mangelte es den Recken an nichts und sie konnten während ihrer Ausbildung und ihrem Dienst stets auf die Waffen und Pferde des Grafen zurückgreifen.
Weil ihm aber immer noch langweilig war, beschloss Askan mit seiner Kutsche über Land zu fahren. Vielleicht würde er hier etwas Zerstreuung finden. So fuhr er eine ganze Weile, bis er an einer Wiese vorüber kam, auf der Bauern gerade Heu machten. Der Kutscher hielt die Pferde an, damit der Graf die Arbeit der Bauern einmal kontrollieren konnte.
Da sprach ein Bauer, in Unwissenheit, dass der Graf ihn hören konnte: „Der Graf ist doch nicht reich. Der König ist reich. König müsste man sein!“ Ein zweiter Bauer fügte an: „Da hast du Recht. Aber so lange der Graf auch nichts unternimmt, müssen wir froh um unsere Arbeit sein, damit wir ein Auskommen haben.“ Beide Männer nickten. Da kam ein dritter Bauer hinzu und fragte keck: „Möchtet ihr wetten, dass der Graf niemals zu echtem Ruhm und Reichtum kommt?“ Da sahen ihn die beiden anderen einen Moment unsicher an, weil sie nicht wussten, ob er die Frage ernst meinte. Doch dann lachten alle drei gemeinsam und widmeten sich wieder ihrer Arbeit.
Nachdem der Graf Askan von As La Ban das gehört hatte, wie die Bauern über ihn spotteten, wurde er sogleich sehr wütend. Doch dann fiel ihm auf, dass die Bauern Recht gehabt hatten. Er hatte ja wirklich noch nichts erreicht! Traurig und in Gedanken versunken fuhr der Graf wieder auf sein Schloss.

Am nächsten Morgen stand Askan mit viel Freude auf und erledigte seine täglichen Pflichten mit großem Eifer. Zunächst dachte er daran, dem Volk mehr Aufmerksamkeit zu geben. Aber gegen Ende des Tages musste Askan einsehen, dass er nichts mehr für seine Untertanen tun konnte, denn er hatte schon alles notwendige getan.
Der nächste Tag brachte dem Grafen endlich eine Idee. Er würde den König um eine Wette ersuchen. Wenn er es schaffte, den König zu überlisten, würde er alle Besitztümer und den majestätischen Rang erhalten, dessen war sich der Graf mit einem Mal sicher.
So reiste er schnellstens in die Hauptstadt, wo der König in seinem Palast wohnte. Dort befand sich auch der Audienzsaal, in dem man den Grafen von As La Ban empfangen wollte.
„Was wünscht Ihr, Graf?“, sagte der König einladend. Askan trat ein wenig unsicher vor den Thron. War es wirklich eine so gute Idee gewesen? Aber er ließ sich nichts anmerken. Stattdessen atmete Askan einmal tief durch und sagte mit Überzeugung in der Stimme: „König, ich bin hier, um Euch eine Wette anzubieten. Wenn Ihr gewinnt, so werde ich in Zukunft Euer treuester Vasall sein. Wenn ich gewinne, erhalte ich Euer Schloss mit allem was darin ist, Euer Land und Euren Rang als König.“
Darüber musste der König einen Moment nachdenken. Er befühlte seinen Bart und fand zuerst, dass eine Wette nichts für einen König sei. Dann aber besann er sich anders. Als Zeichen des Wohlwollens und zur Unterhaltung des Volkes sollte Graf Askan von As La Ban seine Wette vorbringen. Da erklärte dieser, was er sich ausgedacht hatte.
„Wir erzählen einfach von unseren Heldentaten. Das Volk hat einen König verdient, der etwas geleistet hat.“ Dass Graf Askan keine Heldentaten vorzuweisen hatte, wusste der König nicht, und auch nicht, dass Askan daher beschlossen hatte, nur ausgedachte Geschichten zu erzählen.
Der König, der schon vieles erlebt hatte, jedoch noch nie Heldentaten vollbringen konnte, überlegte seinerseits, dass ihm die Wette gut zu Gesicht stünde. Dass er dabei vor hatte zu lügen, sagte er natürlich nicht. So wandte sich der König an sein Volk und ließ einen Ausrufer kommen, der ankündigen sollte, wo der König und der Graf ihre Geschichten zum besten geben wollten. Tags darauf fand man sich auf einer Tribüne ein, die eigens über Nacht auf dem Marktplatz der Hauptstadt errichtet worden war.

Der Ausrufer erklärte den vielen Menschen, die sich das Spektakel nicht entgehen lassen wollten, am nächsten Morgen, um was es bei der Wette ging. Zuerst sollte der König seine Heldentaten vortragen, denn er hatte schließlich den höheren Rang. Dem Volk blieb danach die Entscheidung zu fällen, wie gut ihm die Geschichten gefallen hätten.
Als es endlich still wurde in der Menge, begann der König, dem schon die Hände schwitzig waren, laut zu sprechen:
„Untertanen, ich danke euch für euer zahlreiches Kommen. Ihr sollt wissen, dass euer König nicht unbekannt ist in den Landen. Er hat schon viel für euch getan. Erst gestern begegnete ich einer armen Bäuerin, die Brot auf dem Markt verkaufen wollte, doch niemand wollte ihr Brot kaufen. Ich sah ihre Not, denn ihre Kleider waren zerschlissen und sie hatte kaum Habseligkeiten bei sich.“ Dem Volk begannen die Augen zu leuchten. Sie liebten ihren König, denn sie wussten, was jetzt kam.
„Ich ging zu der armen Frau, nahm zehn Brote und gab ihr zwanzig Taler dafür.“ Ein siegreiches Grinsen des Königs traf den Grafen, der still an seinem Pult stand und lauschte. Das Volk jubelte. Jeder wusste, dass zwanzig Taler so viel waren, dass ein armer Mensch sich davon einen Monat lang ernähren konnte.
Weiter sprach der König: „Als ich noch jung war, da war ich wie ihr. Ich wollte die Welt sehen. Ich hasste es, König zu sein.“ Eine ausschweifende Handbewegung in Richtung der Spielleute machte deutlich, dass sie nun gelobt werden sollten. „Damals reiste ich mit ihnen, den Musikanten, Schaustellern und Narren, in ein Land namens Bella Musica. Wir erlernten und verbesserten die Spielkunst und allen Künstlern mangelte es in meiner Gegenwart an nichts!“
Bella Musica wurde ein weit entferntes Land genannt, welches ein Pilgerort für Spielleute war, die sich einen Namen machen wollten.
„Bei der Jagd erlebte ich einen Kampf mit dem Goldenen Hirsch“, erzählte der König weiter. Durch die Menge ging ein Raunen. Der Goldene Hirsch war noch niemandem begegnet, doch niemand zweifelte an seiner Existenz.
„Jawohl“, fuhr der König fort, „ich habe mit einer Schrotflinte, die rückwärts schießt, den Goldenen Hirsch erlegt. Seither kann man ihn natürlich nicht mehr in den Wäldern finden.“
Doch dies war noch nicht alles.
„Ein weiteres Mal als ich auf Jagd war, traf ich ein Einhorn. Es war ganz weiß und sein Horn glänzte silbern. Ich stieg von meiner Mähre und verfolgte das Einhorn. Durch eine List konnte ich es bezwingen. Hernach stand es bis zu seinem Tod als mein Reittier im Stall.“ Beifall toste auf. Der Graf von As La Ban strahlte dennoch siegessicher. Er hatte erkannt, dass auch der König flunkerte, sodass er sich entschloss, seine Geschichten etwas auszuschmücken, wenn er an der Reihe war.
„Meine größte Heldentat aber“, hob der König von neuem an, „habe ich für mein Volk vollbracht. Bevor dieser Palast erbaut wurde“, und damit zeigte der König hinter sich auf die Türme über der Stadt, „befand sich hier ein massiver Berg. Doch ich fand, hier und nirgendwo sonst müsse unsere wundervolle Hauptstadt sein. So nahm ich mein Schwert und jagte den hässlichen Berg von dannen!“

Der Graf begann unruhig zu werden. Wie viel wollte der König denn noch erzählen? Das Volk wirkte überglücklich, einen solch tapferen König zu haben. Das aber, so hoffte Askan, sollte sich gleich ändern.
Mit einem verschwörerischen Lächeln übergab der König dem Grafen das Wort. Dieser räusperte sich umständlich, um gehört zu werden.
„Da ich, liebes Volk, schon etwas älter bin, habe ich auch spannendere Dinge erlebt. Wenn ich euch alles berichtet habe, werdet ihr wissen, wer es verdient, euer König zu sein.
Schon lange bevor ich in dieses Land kam, war ich ein Niemand. Ich wurde in Dänemark geboren, damals nannte man uns noch Dänen. Das sollte sich ändern, als unser wunderschönes wildes Dänemark von den Römern überfallen wurde. An ihrer Spitze kam Caesar der Große geritten – und ich sage euch, er war wirklich von großer Gestalt.“ Lacher wurden hier und da aus dem Publikum laut.
„Gemeinsam mit meinem Bruder Aster von Rix nahm ich die politischen Verhandlungen mit den Römern auf, denn wir wollten unser schönes Dänemark nicht den Römern überlassen. Caesar jedoch ließ sich nicht beeindrucken und es entbrannte ein Kampf. Mann gegen Mann – Auge in Auge – kämpfte ich gegen die römischen Soldaten. Erst als mein Bruder Aster von Rix getötet wurde und ich schwerst verwundet war, mussten wir klein bei geben. So sehr beeindrucke Caesar unser Kampfeswille und unsere Tapferkeit, dass er uns Dänemark bereitwillig überließ, obwohl er es gerade erobert hatte.“
Askan baute sich in der Mitte der Tribüne zu voller Größe auf und hinkte ein wenig beim Laufen, um von seiner Kriegsverletzung zu überzeugen.
„Da es mir in Dänemark langweilig wurde und es nichts mehr zu tun gab, beschloss ich, die Welt zu bereisen. Also baute ich mir ein Floß aus Baumstämmen zusammen und segelte damit Tage und Wochen über einen riesigen Ozean voller Meeresungeheuer und Stürme. Oft schon fiel ich vom Floß, doch ich konnte mich darauf verlassen, dass es mich treu in jeder Gefahrensituation beschützte. Als ich bald Land entdeckte, schrie ich mir aufmunternd zu: An Land! Seither nennen die Einheimischen dieses Land „Atlantis“. Ich wurde voller Freude empfangen, doch ich musste erschrocken feststellen, dass diese Leute keine Menschen waren wie wir. Oh ja, sie waren Götter! Sie kannten eine Kunst, Sand so zu bearbeiten, dass daraus Skulpturen aus warmen Eis entstanden, die niemals schmolzen. Ich lernte von diesen Göttern und erzählte ihnen von Dänemark. Einmal erwähnte ich, dass wir Dänen große Tiere auf vier Hufen und mit riesigen Köpfen besaßen. Und wir konnten diese Tiere reiten. Sodann sagte man, wenn man sich eine frohe Kunde brachte: Er hat mir etwas vom Pferd erzählt. Man wählte mich sogar zum Bürgermeister von Atlantis. So gelangte ich zu großem Ruhm. Um dem Volk von Atlantis etwas zurück zu geben, erfand ich einen Brauch. Jedes Jahr um dieselbe Zeit spendete ich Geschenke an die armen Kinder und brachte Frieden ins Land. Daher pflegt man in Atlantis das Weihnachtsfest zu feiern.
Die Aufgaben als Bürgermeister hielten mich so auf Trab, dass ich bald schon einen Ausgleich brauchte, um nicht an Burning Out zu erkranken. Ich wurde Schatzsucher! Während meiner Suche stieß ich auf ein geheimnisvolles Gefäß, das wie ein Kelch aussah. Die Atlantiker nannten es „Gral“ und sprachen es heilig.
Irgendwann waren alle Schätze gefunden, die Atlantiker glücklich und mir wurde langweilig. Ich sehnte mich nach Dänemark zurück. Also machte ich mich auf und reiste nach Hause. Irgendwo in Dänemark dann habe ich den Heiligen Gral verloren. Bis heute hat man ihn nicht wieder gefunden.“
Damit schloss Askan seinen Bericht und blickte in erstaunte Gesichter. Es war so still, dass man ein Laubblatt hätte fallen hören können. Schon glaubte Askan sich des Königsthrons sicher. Da begann der König lauthals zu lachen und mit ihm das ganze anwesende Gefolge. Askan wurde rot im Gesicht und sprang auf und ab. „Aber ich sage euch die Wahrheit!“

Der König sorgte rasch für Ruhe. Andächtig fing er sodann zu sprechen an: „Hast du denn Beweise für deine Heldentaten?“
Darauf wusste Askan von As La Ban nichts weiter zu sagen als: „Nein, aber Ihr habt doch auch gelogen!“ Das Volk lachte erneut laut auf, denn auch wenn der König wohl geflunktert hatte, so war doch sein Herz rein, seine List äußerst klug und seine Taten stets gegen das Leid anderer gerichtet. Graf Askan von As La Ban aber hatte sich so sehr in seine Lügen gestürzt, dass er nicht erkannte, dass das Volk seine Geschichten nicht glauben konnte. Die Menschen verstanden, dass Askan nur an sich selbst und seinen Ruhm dachte. Darum entgeignete der König den Grafen von As La Ban am selben Tag und schickte ihn ins Exil.
Bis heute erzählt man sich in diesem Land die Geschichte vom Lügengrafen. Wann immer es etwas zu lachen gibt: Eine neue Geschichte des Grafen ist der Grund. Und wann auch immer ein Kind nur an sich denkt oder zu lügen beginnt, wird es einen Lügengrafen oder sogar einen Lügendänen geschimpft. Darum haben kluge Kinder längst verstanden, dass Narzissmus niemals lohnt.

(C) ShaitanJr (aka Darielle Draconis), 24.6.2014