Archiv für Juni, 2012

Endlich neues.

Posted in Kurzgeschichten on 1. Juni 2012 by nonesense

Fremde Bedeutung

Sind wir nicht wir selbst, wenn das Lernen uns zu Menschen macht?
Vielleicht auch Gedanken, Bilder, Flüche?
Wir bewegten uns über den Horizont hinaus. Canso und mein treuer Gefährte Dram. Canso spielte wie immer mit seinem Ring am Finger, als Dram das Buch aufschlug und mir vorlas:  „Sein ist Erfüllung. Bewusstsein ist Chance. Haben wir begriffen, wo die Nadeln fallen?“ Canso nickte zustimmend. Hinter ihm flog die Nacht heran, als das Lagerfeuer zu verlöschen drohte.
„Nicht im geringsten“, beantwortete ich Drams Frage. „Das begreifende in unseren Herzen ist etwas, das noch nie jemand zu finden wagte.“  Stille senkte sich auf uns nieder.
Canso erhob sich ein wenig trunken. Starrte auf die Uhr, die in ihrem Ticken noch nie einen Moment inne gehalten hatte. Groß wirkte er, wie wir hier unten beim Feuer saßen und zu ihm aufschauten.
„Tut was ihr wollt. Für mich ist dieser Tag vorbei.“ Noch benommen vom Alkohol griff er nach seinem Sattel, ließ das Pferd zweimal um sich herum gehen, bevor es still hielt und die Last ertrug. Einmal noch sah Canso zu uns hinüber.
„Wenn du jetzt gehst, wird dir ein Leben verwehrt bleiben!“ Dram ließ uns die Hoffnung nicht aufgeben. Doch der Alte hatte schon zuviel Zeit verloren. Stieg hastig auf das Pferd und ritt pfeifend davon.
Wie es ihm gehe, fragte ich Dram, den Burschen, der mir hinter den Flammen gegenüber saß. „Nur Worte.“ Er grinste mich verlegen an.
„Dies sind doch nicht nur Worte. Es ist die Wahrheit.“ Ein wenig erschrocken zeigte ich mich. Mein Bruder hob die Schultern, zog die Brauen nach oben, hielt ein Stück Holz fest umklammert. Eben wollte er zu sprechen beginnen, als sanftes Donnergrollen uns aufschreckte.
„Scht“, machte Dram, legte den Finger an die Lippen. Links von uns trat aus der Dunkelheit ein Reiter.
„Ich hörte, ihr philosophiert über Wahrheit? Nun, mögt ihr erfahren, was Wahrheit bedeutet.“ Der Mann in der schwarzen Kutte ließ sich aus dem Sattel gleiten. Nahm eben diesen dem Reittier ab und auch das Kopfstück. Mit einer schwungvollen Bewegung rettete sich Dram beiseite, als der schwere Ledersattel dort aufprallte, wo eben noch ein Mensch gesessen hatte.
„Geht und sucht nach der Wahrheit. In den Worten allein werdet ihr sie nicht finden.“ Knarrende Stimmtöne trug er an unser Ohr während er sich setzte. Noch einen Augenblick sahen Dram und ich uns ins Gesicht, ehe wir uns erhoben. Der Fremde warf noch ein wenig Holz in die Glut und kippte unseren braunen Alkohol dazu.
„Um das Feuer braucht ihr euch nicht zu kümmern. Geht.“

„Verrückt!“, hörte ich Dram murmeln, als er um das Lager herum schritt und zu mir kam. Das Buch hielt er noch immer fest umklammert. Vor uns in der Finsternis spielten die Schatten im Sand. Die weitläufige Welt bildete ein Spiegelbild unserer Seelen. Wir waren frei, konnten gehen und schauen wonach es uns dürstete. Doch noch hatten wir den Wert all dessen, was vor uns lag, nicht einmal erhören können. In einiger Entfernung wieherte der Hengst, den der fremde Reiter frei gelassen hatte. Beinahe war uns, als forderte er uns heraus zu einem Spiel, dessen Regeln wir nur erkennen würden, wenn wir ihm folgten.
Der Sandboden flog unter uns dahin als mein Bruder Dram und ich der Spur des Pferdes nach liefen. Bald aber war der Schein des Feuers hinter uns verblasst. Vor uns nun lag die glitzernde Nacht, besser: wir lagen in ihr. Wieder und wieder ertönte der Ruf des Hengstes und wir folgten ihm unsicher.
„Die Wahrheit finden“, murmelte ich, als wir entatmet das Tempo verlangsamten, „ist viel komplizierter als ich dachte. Dabei ist sie selbst so simpel.“ Dram schüttelte den Kopf wie er es immer tat, wenn er glaubte, etwas besser zu wissen.
„Nicht Wahrheit ist das Ziel. Bewusstsein heißt die Kraft.“ Ich verstand es nicht, als mich plötzlich etwas nieder zu rennen versuchte. Das Pferd war lautlos um uns herum geschlichen, machte jetzt einen Bocksprung und rannte an mir vorbei, wobei es mich beinahe umzuwerfen drohte. Das Spiel begann.
Abwechselnd bewegten Dram und ich uns auf das Tier zu, ließen es weichen und mussten selbst Raum geben, um nicht von den harten Hufen des Vierbeiners verletzt zu werden. Wir lachten uns die Seele aus dem Leib. Endlich hielt ich es umklammert, hängte mich mit aller Kraft an seinen Hals. Er stand still.
Noch bevor ich wusste was ich tat, strich ich ihm übers Maul, ließ meine Finger ein letztes Mal über seinen schlanken Hals gleiten und löste mich von dem mächtigen Körper.
„Er ist stark. Wir haben ihn dennoch gefangen.“ Dram jubelte, bis er gewahrte wie ich das Tier frei ließ.
„Lass nicht los!“, schrie er in mein Ohr. Und schon lag ich am Boden, die Hufe des Hengstes wild die Luft über mir brechend. Ein letztes Bild noch. Der sich an meine Seite werfende Bruder.
„Wer sind wir, dass wir begreifen?“, fragte ich ihn. Den erschrocken fliehenden Hengst vergessend, blickte er auf mich herab. In seinen Augen spiegelte sich die Nacht wie eine Mauer um uns herum. Ich fühlte mich gefangen. Erst als er mir keuchend aufhalf, erkannte ich, was um uns war. Sterne über uns. Die letzten Wolken zogen davon.

© ShaitanJr, 1.6.2012