Ein Wort. Phönixherz.

Vor ein paar Tagen suchte mich die Sehnsucht zu sehr heim und ich kam nicht umhin diese Geschichte niederzuschreiben. Nun ist sie auch in digitaler, etwas verbesserter Form lesbar. In Gedenken an meinen Phönix…

Phönixherz

Einst gab es in der Wildnis nur uns. Den farblosen Drachen der Nacht. Und das lichtvolle Ich. Es war in ihm, was mich bekämpfte. Ich war einst seine Seele bis in jene schicksalhafte neue Ära hinein.
Flucht hatte uns geprägt. Ständig fühlte sich mein farbloser alter Drache gejagt von der Zeit. Ich sprach alsbald zu ihm, erlöste ihn für Augenblicke von der inneren Einsamkeit, die ihn nicht losließ. Denn sie schärfte auch mich und ich ertrug es nicht in ihm zu sein, wenn er sich quälte.
Immer öfter aber verzehrte es mich selbst nach der Freiheit, die ich so sehr an ihm liebte. Er war stark. Meine Aufgabe war es stets, seine Kraft zu kontrollieren. An dem ersten Morgen aber suchte ich nach Mut. Wollte ich es jemals schaffen wie er zu sein, musste ich mich befreien. Mut beweisen und aus ihm und der funkenlosen Finsternis ausbrechen. Gegen sie ankämpfen.
Ein greller Blitz tönte unter uns, als wir dem Geruch folgend uns dem Beutespiel anschlossen. Jagdfieber, Mordlust und animalischer Hunger gierte in ihm. Und sein ewiger Hass gegen mich. Endlich einmal durfte ich ihm nicht im Weg stehen, wenn er seine blanken Krallen dem Opfer entgegenhielt, kreischenddrohend das Maul aufriss und mich mit taktischen Gedanken schwindelig machte.
Hin und her gerissen zwischen der Liebe zu dem Leben das wir auslöschen würden, dem schwelenden Misstrauen gegen ihn und alles was uns umgab und der beflügelnden Lust frei zu sein holte ich meinen Geist aus dem seinen zurück. Das Reh sprang um sein Leben, hetzte über umgestürzte Bäume und floh alsbald vor einem niedergestreckten Einhornkadaver. Nicht für alle war dieses Land ein Reich voller sich erfüllender Träume.  So auch nicht für mich. Das war es was ich fühlte, eben als die unheilvolle Stunde uns ansah. Sein letzter Schrei gellte weit über den Horizont, als ich mich aus ihm löste und ihn mit den Worten: „Kämpf um mich!“ einen Gnadenstoß verpasste. Ich war frei! Aus seinem Kopf erhob ich mich, sah ihn schmerzerfüllt hinab stürzen in das endlose Buschwerk. Sah das Reh, wie es sich noch einmal panisch umwandte, bevor es hastig hinter dem nächsten Strauch verschwand.
In meinen Augen verstarb die Nacht, als sich meine neuen Schwingen gewaltig ausbreiteten. Meine Krallen sich in rascher Folge schärften und nun ein krummer, glitzernder Schnabel meinen Gedanken Töne verlieh. Unhörbar rauschte ich durch diese Luft, die ich jetzt allein beherrschte. Schob Licht vor mir her und verbreitete auch unter den Vögeln die Kunde eines neuen Retters. Bald schon würde diese Welt für mich und alles in neuem, feurigem Licht erstrahlen. Hinter dem Horizont blieb ich hängen. Schlug mit den Flügeln nach den Wolken und stürmte mit der See. Das war alles was ich je gewollte hatte. Licht, Wärme, Freiheit… Liebe.

Viele Jahre lang herrschte ich so glücklich am Himmel. Bis ich auf der Erde fremde Kreaturen entdeckte. Versuchte sie zu jagen, doch ich fing sie nie. „Phönix“ nannten sie mich. „Halbgott“. Bei diesen wunderbaren Worten reckte ich den Hals und ließ meine Federn besonders hell glühen. Sie glänzten und leuchteten mir einen völlig neuen Weg. Hier nun wuchs Freundschaft. Tag für Tag kehrte ich zurück, beobachtete sie und zeigte ihnen meine flammenden Künste. Weinend, staunend, lachend standen sie da. Klatschten in die Hände, warfen sie in den Himmel oder falteten sie in stiller Ergebenheit vor dem Schauspiel, das ich ihnen bot.
Eines Tages aber kehrte das Unglück zurück. Ich setzte zum letzten Flug an, hörte schon aus der Ferne ihre Rufe. Etwas zog mich dort hin wie es stets war. Dann brauste der Wolkentanz um mich auf.
Mitten in die Blitze zog es mich, wie schon so viele Male. Blies mir die Federn auseinander, Luft zwischen die Kiele. Doch schnell war ich umringt. Diese Falle war mir neu. Ich fand nicht mehr hinaus und es wurde schwärzer um mich. So stark ich auch Flammen spie, heller wurde es nur in den Augenblicken, da Blitze durch mich strömten. Die Sicht schwand ganz langsam hinter Rauch, Farben und Finsternis dahin. Verzweiflung schrie ich mir aus dem Leib, flehte meine Freunde um Hilfe an.
Ehe ich mich versah, schlich sich ein Holzpfeil an. Mein einst so prachtvoller Federschweif bremste meine Reaktion. Noch ein wütender Schrei, kämpfte mit allen Kräften und sank nieder in den Schoß der Welt.
Sie kreisten mich ein, die die ich stets „Freunde“ nannte. Mit zaghafter Hand rissen sie an meinen feurigen Daunen, warfen sie lachend in die Luft und tanzten. Zwei meiner Federn fielen diesem Mann aufs Haar. Erschrocken und fasziniert berührte er sie mit den Fingerspitzen. Hob sie auf und betrachtete sie eine Weile, während die anderen ihre Blicke von mir lösten. Sie sahen zu ihm auf.
Dann trat er zu mir. Legte die Linke an den Pfeil, der noch immer meine Rippen spreizte. Der Mensch sprach leise zu mir.
„Du, der wir dich Phönix nannten, bist für uns ein Halbgott gewesen. Doch deine größte Dummheit ist dein Stolz.“
Empört bäumte ich mich ein letztes Mal auf. Hielt ihnen meine Tränen entgegen und starb, so wie auch der farblose Drache gestorben war. Im fremden Element. Und einsam.

© ShaitanJr, 25.4.2012

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