Archiv für Dezember, 2011

Sayyal V

Posted in Kurzgeschichten on 7. Dezember 2011 by nonesense

Flugsturz und ein Ende

Und wenn mich Nacht vergessen lässt, wo ich einst war. Nur einen Funkenschlag entfernt landet er. Sayyal. Wir bewegen uns auf keinen Horizont mehr zu. Nichts schwirrt um uns, der Wind hat seine Pforten geschlossen. Nun steht es da, wie die Angel des Fischers, die sich im Wasserlauf nur zwangsweise zu rühren wagt.
Wo wir sind, frage ich. Sayyal nickt nur. Er hat verstanden. Aber antworten, das wird er nicht. Nur zu, sage ich. Nur zu. All die Zeit habe ich mich daran gewöhnt, ihn mit stillen Regeln zu verdammen und zugleich in der Sonne den Göttern zu weihen, als Gabe der Natur. Sayyal fliegt nicht mehr. Ich stehe am Turm und beschaue mir seine Flügel. Ein Traum hat dies angerichtet: Sie sind zerkratzt, an einigen Stellen ist die müde Haut gerissen. Wiederum ist an anderen Flecken etwas erkennbar geworden, unter der Haut, etwas fast menschliches. Dabei sind wir doch nicht das, was man uns heißen mag. Wir sind Träume, nur Gedanken und Lehnwünsche. Aber woher dann der Schmerz? Sayyal fragt nicht. Er erträgt seine Bürde und lässt mich machen.
Der Turm steht etwas geneigt gegen die Wolken da und berührt zu manchen Zeiten eine kleine Ansammlung von ihnen. Und wir, wir Träume hier draußen, wir sehen nicht ein, den letzten Weg hinein zu gehen. Zu lang haben wir gelebt und gelitten, zu schnell trug der Wind Sayyals starke Schwingen über die Ozeane von Gedanken und Wälder voller ungeduldiger Marder.

Ob wir nicht längst des Träumens müde werden, will man wissen.
Dabei kann man doch gar nicht fragen, nicht Antwort erwarten. Träume sind was sie sind und sie haben verstanden. Anders als so manch träumendes Wesen verschwenden sie keine Zeit und keinen Unrat darauf, sich mit Wissen und Magie zu füllen, nur um einmalst das Licht erkennen zu wollen. Nein, wir Träume, wir greifen nicht nach den Tagen da die Nacht unser Untergang ist.
Sayyal weiß wovon ich rede. Der Untergang. Der Turm. Wie kann man einen Turm da stehen sehen, wenn man doch schon im Nichts gefangen sein müsste? Die Logik der Menschen lehrte uns zuviel.
Der Schrei des großen Drachen malte meine Schuppen noch finsterer zu. Ich lud seine Pein auf mich, der ich der einzige Fühlende bin. Sayyal ist schließlich nichts, als ein Haufen Moral und etwas heiße Luft.
Sollten wir den Turm betreten? So ergibt sich eine neue Sicht. Die Reise ist zu ende und auch das Wissen um die Kunst des Schlafens. Gleichzeitig ist es eine Erlösung für all jene, denen das Träumen von und mit uns so viel Kummer eingebrannt hat, dass nicht einmal ein Leben danach sie milde stimmen könnte.
Wir oder sie. Wir und unser Leben, das wir lieben. Sie und ihre Träume, die sie loswerden müssen.
Ich wende mich dem kalten Turm zu, lausche auf Sayyals Rufe und warte auf die Gelegenheit. Irgendwo pickt ein Vogel gegen den Raum, von außen. Er erwartet wohl, dass wir gehen. Noch einmal betrachte ich meinen Drachen, der längst zusammen gebrochen dem Ende entgegen weilt. Beiße mir auf die Lippen. Singe das Letzte Lied, wie es von den träumenden Vorfahren überliefert wird. Der letzte Gnadenstoß und ein freiwilliger Wechsel hinüber vom Nicht-sein ins Nicht-mehr-existieren. Sayyal ist froh drum. Ob die Träumenden uns das nun danken?

© ShaitanJr 23.4.2011