Sayyal Teil IV.

Windwest gen Norden

An Tagen wie diesen stehen die Traumgeister erwartungsvoll da. Sie glotzen und halten sich die fahlen Hände vor ihr loses Mundwerk, bevor auch nur ein Wunsch ihnen entrinnt.
Ich sehe sie von oben, zwischen den sanft gerollten Hörnern meines Drachen hindurch. Mit weit gespannten Flügeln bereiteten wir uns auf den Abschluss einer Reise vor und harrten der Dinge die nun kamen. Doch nichts kam.
Es war bereits geschehen. Die Gruppe von Traumgeistern und ihr Gevieh hatten sich versammelt, erlebten jetzt offenbar eine fremde Emotion. Wie konnten sie zulassen? Im ersten Augenblick, da Sayyal den Boden berührte, erkannte ich schon, was uns begrüßte. Ein Kopf im Sand. Nicht irgendeiner. Traumsand. Und darin schwamm wie in Tränen der verlassene Kopf eines Jungen.
Was hatten wir nur falsch gemacht? Hatten wir nicht geglaubt, das Paradies gefunden zu haben? Hier nun vor uns erstreckte sich ein Sandkornfeld. Darin mittens lagen diese Augen zwischen faltiger Haut und erstarben in unseren Herzen.
Sayyal ließ mich hinunter, legte seine Schwingen an das lederne Fell und schloss furchtvoll die Augen. Er spürte jene Bewegungen in den Sphären, die kalte Donnerluft und die Brandung der Seelen. Es musste ihn schmerzen, sehr schmerzen. Wie er hier stand, neben mir standhielt und meine Schritte ins unermessliche verfolgte. Ich beugte mich hinab. Bat den Wind ein letztes Mal Wärme in diesen Kopf zu blasen. Und reute nicht. Die Haut errötete und ließ mich frösteln.
Wie konnten wir Träume, die wir nur da sind, nicht einmal Gefühle haben, wie konnten wir stehen und einfach da stehen? Es war geschehen. Die Katastrophe hatte sich ereignet und dieses Wesen dessen Hände sich stets um unsere Herzen geschlossen hatten, lag nun ausgebreitet vor uns wie mit kalter Schwärze da.
Hinter mir erbebte die Erde, als Sayyal einmal wissend schnaubte. Was hatten wir getan?
Endlich brach Geschrei los unter den Brüdern der Träume. Sie störten sich nicht, dass ich in ihrer Mitte stand und darniederbrach. Es war mein Blut gewesen, das hier nun vergossen lag. Und es würde meine Seele sein, die sich in den Weiten des Sandmeeres durch die Fluten kämpfen sollte. Entgegen dem Sturm. Entgegen der Zeit. Alles noch einmal von vorn. Hörten sie nicht den Mond, wie er am Flaschenzug über die Sonne gehoben wurde? Fühlten sie nicht auch in sich was sich meiner nun gewaltsam entzog?
Ich war nur ein Traum. Und ich hatte Ziele. Ich war nur ein Traum, der liebte. Meine Liebe kannte keine Grenzen und führte mich so oft weit hinter den Horizont. So weit weit fort. Jetzt lag sie vor mir im braunen Gemisch aus Steinen. Nicht mehr hinter der Schattennarbe, nicht mehr vor dem Licht. Sayyal senkte die Stirn und erhob ein laues Flüstern. Und es führte mich fort von der Seele, die einmal mein gewesen war. Der Junge, das was wir von ihm als letzte sahen, der ward begraben, in einer anderen Welt. Und so trug mich mein Freund, der Drache, hinüber zur Stadt. Lass dir einen neuen Jungen suchen, sprach er hinter mir zu. Wie hätte ich das ertragen können? Wie konnte ich leben?
Nichts mehr lebte in mir. Ich fühlte mich ebenso tot wie mein Freund, der Wind. Wind, der gleichsam atmete und nie aufhören konnte. Und trotzdem in seiner Angst und seinem Willen so sehr allein zu einsam war.
Ich bat den Drachen, mich abzusetzen, kurz vor den Brandmauern der Häuserwelt. Bis hier hin. Nicht weiter durfte ich hinein in eine Welt, in der Versagen nur vernichtend betrachtet wurde. Die großen Augen, Sayyals Blick, nährten meine Angst nicht, aber sie schürten auch kein Feuer. Unter dem Apfelbaum dort hinten erwarteten wir die kommende Nacht.

24.6.2011 © ShaitanJr

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2 Antworten to “Sayyal Teil IV.”

  1. Wie schon auf Aliartis gesagt:
    Einfach nur Klasse!

  2. Danke phoenix, schön, dass du hier vorbei schaust! :) Bist immer hier willkommen.

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