Sayyal Teil III. Viel Spaß!

Diesmal sag ich nichts dazu.^^

Im Geist des Einen

Mit der letzten Erfahrung hat mich Sayyal bestätigt. Es war seine Zeit gewesen. So ist es, Tod und Leben liegen so dicht bei einander. Auch für Träume gibt es nur diese eine Möglichkeit. Wie schön wäre es, man könne das ewige Leben träumen, sagt ihr. Die Menschen unter uns zerren die warmen Winterdecken an die nackten Seelen um sich, um wenigstens den Traum von Einsamkeit zu vergessen. Ist das eure Vorstellung? Ewiges Leben in stetiger Einsamkeit?
Auch wir können einsam sein. Einmal musste ich Sayyal schon stehen lassen an zu heißen Winden. Die Wachsflügel hinter seinen Lederschwingen hätten ihm schmelzen können. Die Luft war zu stickig. Wir befanden uns in einem Traum, etwas das ihr Alptraum nennt. Der Mensch darin – es war nur ein Kind – schrie sich die Lungen wund. Und wir saßen in eben diesen Lungen, hauchten so stark wir konnten das Leben hinein. Um uns herum brannte die Haut nieder, Seelenstaub verflocht zu einer einzigen Masse. Diesem einsamen Kind konnten wir nicht helfen. Damals waren wir gerade erst zusammen gekommen, auf einander gestoßen, gemeinsam geboren.
Dieser neuerliche Flug durch die Hirnwelten hinter all den verschlossenen Türen zog uns mit zielstrebiger Sicherheit auf die Einsamkeit zu. Diese Frau, die wir gleich besuchten, verabscheute Fremde. Würde sie uns einlassen? In ihrer endlosen Verbitterung würde sie nicht erkennen, wer wir waren. Vorsichtig setzte mein Drache zur Landung an.
Schon kühlere Winde schrien uns entgegen, hier waren wir richtig. Aus meinem Traumbeutel suchte ich nach etwas, das dieser Frau wieder ein wenig Leben schenken konnte. Da! Ein Traum. Ein kleiner nur, aber mit einem menschlichen Wesen darin. In dem Traumglas hatte mein Großvater einst einen Menschen gefangen, der seine Seele fort geschmissen hatte. Nun war es an der Zeit,
diese frei zu lassen. Sie sollte der Frau die starre Ewigkeit nehmen und die triste Frostlosigkeit ausschmücken.
Durch einige Gänge mussten wir wandern. Sie waren mal breit und gewölbeartig, dann wieder schmal und von abweisend vermodertem Stein. Hier also fanden wir die Abwehr der Frau bereits bröckelnd vor. Schließlich überlistete sie uns. Die Gänge wurden heller, aber auch enger.
„Da vorne kann ich nicht weiter. So sehr ich mich auch anstrenge, durch diesen Gang werde ich nicht passen.“
Sayyal bekam Panik, dass wir es nicht schaffen würden. Auch mir wurde bange. Eben als die Wände sich zum Gang hin verjüngten, drehte ich mich zu ihm um und blickte in die mondleeren Augen. „Was nun mein Freund?“
Ein wenig sprachlos stand er da mit seiner verbogenen Zunge. Bald legte er den Kopf schief zur Rechten, bald neigte er ihn zur Linken. „Du musst.“ Die Worte hallten in mir nach bis sie echoend verklangen. In den besorgten Augen des Drachen fand ich mich wieder, verlor den Halt und krallte meinen Blick in den seinen. Allein konnte ich nicht weiter gehen. Fühlte in mir die Feen tanzen vor Schadenfreude. Ich wusste, dass dieser Frau nur unser Traumglas helfen konnte. Doch hier würde sie es nicht sehen können und der gefangene Seelenwanderer würde verschwinden, in den Untiefen des Labyrinths. Langsam nickte ich.
An dieser Stelle musste ich. Einsamkeit schmerzt. Aber mir blieb keine Wahl. Wollte ich die einsame Welt der Menschenfrau retten, würde mein kleines Traumsein dafür herhalten. Ein letzter verzweifelter Kuss unserer Blicke und Sayyal schloss die Augen.
„Geh“, sprach er. „Geh, lass die Welt ihren Frieden finden. Ich warte.“
Mit neuer Zuversicht und dem Vertrauen auf die Sicherheit dank Sayyals Vorhersagen trat ich durch den Flur. Schmaler und schmaler wurde er, die Decke sank herab. Irgendwo endete der Schlauch und deutete auf das Herz der Frau. Endlich der richtige Anlaufpunkt. Von diesem Ort aus würde der Gefangene nicht weit fliehen können, sondern musste seine Aufgabe wahrnehmen. Es lag nicht an mir, ihn hier zu behalten. Aber wenn es der Frau half, so wollte es auch mir helfen. Mich verzehrte stark nach Sayyals Anwesenheit, seiner Ruhe und seinem Schutz. Seinem klaren Verstand und seiner Schönheit. Mit Bedacht wog ich die Traumkugel in den Händen. Sie wurde warm. Jetzt oder nie.
Kräftig holte ich zum Wurf aus. Der Krach des platzenden Glases weckte die Frau, sie zitterte. Doch ab hier konnte ich nichts mehr für sie tun. Nur noch fort, zurück zu meinem Drachen! Den Weg fand ich nun nicht mehr so leicht, die Gänge verschoben sich immer öfter, nun da die Frau den Tiefschlaf verlassen hatte. Jetzt wirkte der Traum. Ich musste raus, sonst würde ich binnen weniger Sekundenbruchteile mit dem Traumglas verdampfen. Ein Magnet dockte hinter meinem Traumsein an. Sayyal. Ich konnte aufatmen. Er führte mich zielsicher durch die Steinformationen bis ich an den großen Höhlen stand, in denen Sayyal auf mich wartete.
„Lass uns verschwinden. Der Auftrag ist zu riskant. Wir haben unsere Aufgabe erfüllt, den Rest muss sie allein schaffen.“
Würde sie es schaffen oder versagen wie jener Alte, dem wir das Lebenslicht sanft gelöscht hatten?
Mit vereinten Kräften schwang Sayyal die vier Flügel und raste gerade zu aus den Grotten. Es war knapp, denn hinter uns begannen die Farben einzustürzen und die Wände bröckelten. Bald sollte von all dem nichts mehr übrig sein. Endlich durchbrachen wir die letzten Wälle der Feen, bis wir über der Stirn der Frau zu Atem kamen. Es war gut gegangen. Dank Sayyal.

Die Frau begann zu zwinkern. Das Zittern und Zucken einiger Muskeln machten uns klar, dass sie aufwachte. Und grinste. Hatten wir alles richtig gemacht? Ja, der Traum war richtig gewesen. Sie hatte ihren Traumpartner gefunden. Dank uns.
„Wir haben es wieder einmal geschafft. Sayyal, lass uns nun beidrehen und die Frau mit ihrem Glück allein.“ Tatsächlich entfernten wir uns ein weites Stück von ihr. Aber das Licht und die Freude, die sie ausstrahlte, fühlten wir noch in den letzten Winkeln unseres Seins.

29.7.2011 © ShaitanJr

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