Sayyal Teil II. Bitteschön. :)

Und hier nun also geht es weiter.
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Traumgeister im Höhenflug

Sayyal spannt seine Flügel aus. Wir heben ab, mein Drache und ich. Nichts hält uns mehr, wenn wir die Nächte hindurch zwischen den Köpfen hin und her springen. Gestern haben wir den Horizont gesehen, heute sind wir schon so viel weiter.
Der Wind fegt an uns vorbei. Niemand begegnet uns in der Einsamkeit.

Weißt du“, sage ich zu ihm, „warum der Wind uns nur flüchtig begrüßt und schon verfliegt, sehen wir ihm nach?“
Sayyal hebt den Kopf; ich kraule ihn über die schuppige Haut.

Ja“, finde ich. „Ja, es ist der Grund, es muss jener sein.“ Fragend blickt mein Drache der Sonne entgegen.
Weißt du, wenn die Elfen fliegen, an einander sich mit den Händen halten, den zarten. Dann schweben sie kraft ihrer Leben und versammeln sich in den Lüften. Sie kommen uns zwischen die Augen, wir sehen sie doch nie.“
Auch Sayyal hat verstanden.
Unter uns erstreckt sich ein Blau, das der Nacht den Atem raubt. So grün verschwimmen Felder und moosbewucherte Ufer, dass man nichts mehr sonst erkennt. Zu hoch haben uns die Elfen bereits getragen, zu schnell sind Sayyals Flügel für meine Augen.
Und sie beginnen um uns herum zu tanzen. Wirbeln einige leere Blätter aus den Baumkronen auf, versprühen Wassertröpfchen. Sayyal hat Wasser im Gesicht, es rinnt im die Wangen entlang bis über die zarten Spitzen der Hörner. Ein gewaltiger Flügelschlag und wir stürzen hinab, immer schneller durch die tobenden Massen der Elfen. Ich drücke mich an ihn um nicht herunter zu fallen, kraule ihm wieder sanft den Nacken und warte darauf, dass wir ankommen.
Es knallt und wir stehen. Im Dunklen. Etwas eingerostet erhebe ich mich und steige von Sayyals Rücken. Hier sind wir also, im Kopf dieses Mannes. Wieder einer jener, denen wir Träume bringen. Und diesmal schläft er schlecht. In einer noch finstereren Ecke kauert er, hält die Knie ans Kinn gedrückt und wiegt sich mit starrem Blick hin und her. Er ist hilflos, wenn wir ihm keinen Traum geben. Es zerreißt mir das offene Herz, dass er so stumpfsinnig ist. Gleich wird er wieder fühlen. Aus den Taschen suche ich nach dem passenden Traum und lege die kleine Traumkugel vor ihn hin. Endlich hört er auf, sich hin und her zu wiegen. Sieht mich mit noch leeren Augen an und beginnt, die Kugel zu betasten. Ja, er ist blind. Wenn er nach dem Abenteuer wieder hier her zurückkehrt, wird er sehen. Sayyal hinter mir beginnt zu kichern. Er ist froh, wenn der einsame Mann bald wieder sieht. Nun aber keine Zeit verlieren! Der Mensch ist im Begriff, die Kugel in die Hände zu nehmen und seine Traumreise zu beginnen. Hier dürfen wir nicht stören. Was sollen Traumgeister auch in einem Traum, den sie kennen?
Der Mann muss das ganz allein schaffen. Mit einem letzten Seufzer verabschiede ich mich und Sayyal spannt wieder seine ledernen Flügel. Die weichen Federn daran beginnen zu schwingen. Jetzt wird es Zeit.

Nun Sayyal, was denkst du? Wird er es schaffen?“, frage ich ihn, als wir wieder unterwegs sind. Kräftig nickt er und spricht unhörbar zu mir. „ WIr waren zu vorschnell. Vielleicht hat er keine Kraft. Dieser Alptraum wird ihn noch mehr erschüttern.“ Verwundert blicke ich nach unten, in die Richtung aus der wir kommen. Ja, Sayyal hat Recht. Er hat immer Recht, kein Zweifel. Wir drehen um.
Tatsächlich finden wir den inzwischen ergrauten Greis hinter seinem Traum wieder. Er hat sich in der Kugel eingeschlossen und rennt an dem Glas entlang um zu entkommen. Etwas jagt ihn. Noch einmal fragend blicke ich zu Sayyal hinüber. Soll ich? Ein mahnender Blick erwidert den meinen. Ich tu es nicht gern, aber ich muss. Kurzerhand nehme ich die Kugel und schleudere sie in den Abgrund. Irgendwo dort unten wird der Mann in seiner Kugel aufprallen, sie wird zerspringen. Und das Leben wird mit ihm aus dem Glasgefängnis fliehen.
Ist es eine Erlösung? Sayyal schließt einmal kurz die Augen. Die Dunkelheit des nahenden Todes holt uns ein.
Von außen sehen wir ihn dann, den Mann in seiner sterblichen Hülle. Er atmet nicht mehr. Aber nun ist die Angst aus ihm geflohen, wir haben es geschafft. Dankbar streichle ich Sayyal über die Stirn und drücke mich an seinen starken Rücken, um nicht von den Elfen niedergerissen zu werden: Wir fliegen. Noch einmal beginnt unsere Reise durch die Häuser der Nacht.

Last Edit: 13.7.2011 © ShaitanJr

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