Es wintert in den Herzen…

Diese Geschichte schrieb ich, als ich das Dorf sah. Doch darin musste ich bald eine viel größere Wahrheit erkennen. Es ist erschreckend, wie stark man sein muss, um an einem solchen Verlust nicht zu zerbrechen…

Schneesohn

SOHN: Es gab das Dorf, Suzette. Und ich bin sicher, dass man es finden wird, irgendwo dort draußen.

MUTTER: Aber nicht ein einziges Wort entfloh meinen Lippen. Wie können sie wissen?

VATER: Goldbarren liegen dort, sagt man. Ich sage es nicht, ich weiß es.

SOHN: Und der Schnee fiel, Suzette! Der Schnee! Als hätte es je etwas Unschuldigeres gegeben!

MUTTER: Aber fort ist all die Wärme, das Traute. Wohin fiel mein Verstand nur, in welches Tal?

VATER: Sie sagen es alle. Hunde streunen dort. Sie sagen es, denken. Ich denke, ich weiß es.

SOHN: Verdammt, fiel Schnee, Suzette! Das Dorf ward zugeschneit, tief in mir.

MUTTER: Aber nicht die Landschaft. Zugeschneit bleiben doch nur die Dächer, Straßen.

VATER: Und vielleicht entzündest du ein Streichholz dort. Auf dass es das Dorf wärme.

SOHN: Suzette, nicht! Ich enteile deiner, rührst du auch nur einen Finger. Lass mich den Schnee noch länger sehn.

MUTTER: Aber dein Haar wird ganz nass. Du wirst frieren. Lass uns das Dorf verlassen sein. Nur verbanne die Nacht für mich.

VATER: Ewig mögst du den Himmel schauen, kannst es doch nicht lassen.

SOHN: Nur noch diesen einen Moment, Suzette. Bevor ich mit dem Dorf Geschichte werde.

MUTTER: Aber nimmer sollst du wenden. Alles kann nicht ewig leben. Das Dorf wird nicht vergessen sein.

VATER: Törichte Suzette, doch. Ein wenig Flammen für ein gepeinigtes Herz. Alsdann sollst du wieder auferstehen.

SOHN: Kann nicht sterben, Suzette. Nur dieses dein Flüstern beschwert mich. Nun gib mir nur diesen einen Moment, ich werd dir nicht entfliehen.

MUTTER: Aber du wirst doch so nass, Kind. Der Schnee! Es flucht in meinem Verstand über dieses Dorf, diese Kälte, deine Torheit.

VATER: Na, du spürst es, Suzette. Es ist das Dorf, das eingeschneite, das dich frieren macht.

SOHN: So lass die Tränen, Suzette. Ich sehe es deutlich vor mir, das Dorf. Nie bin ich dort gewesen.

MUTTER: Kann dich nicht halten, Kind. Mein Vogel, gesunden sollst du! Schüttle ab jeden Schnee!

VATER: Er ist fort, Suzette. Hinüber ins Dorf, hinab unter den Schnee, wo seine Seele frei ist.

SOHN: Fort, Suzette. Fort.

MUTTER: Mein Junge! Kann deine Mutter dich nicht noch einmal wärmen?

VATER: Lass ab, Suzette. Mein Sohn hat den Schnee gesucht im großen Tal. Lass uns nun neue Hügel finden, droben gegen das Licht.

© ShaitanJr 11.01.2010

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: