Archiv für November, 2011

Sayyal Teil IV.

Posted in Kurzgeschichten on 24. November 2011 by nonesense

Windwest gen Norden

An Tagen wie diesen stehen die Traumgeister erwartungsvoll da. Sie glotzen und halten sich die fahlen Hände vor ihr loses Mundwerk, bevor auch nur ein Wunsch ihnen entrinnt.
Ich sehe sie von oben, zwischen den sanft gerollten Hörnern meines Drachen hindurch. Mit weit gespannten Flügeln bereiteten wir uns auf den Abschluss einer Reise vor und harrten der Dinge die nun kamen. Doch nichts kam.
Es war bereits geschehen. Die Gruppe von Traumgeistern und ihr Gevieh hatten sich versammelt, erlebten jetzt offenbar eine fremde Emotion. Wie konnten sie zulassen? Im ersten Augenblick, da Sayyal den Boden berührte, erkannte ich schon, was uns begrüßte. Ein Kopf im Sand. Nicht irgendeiner. Traumsand. Und darin schwamm wie in Tränen der verlassene Kopf eines Jungen.
Was hatten wir nur falsch gemacht? Hatten wir nicht geglaubt, das Paradies gefunden zu haben? Hier nun vor uns erstreckte sich ein Sandkornfeld. Darin mittens lagen diese Augen zwischen faltiger Haut und erstarben in unseren Herzen.
Sayyal ließ mich hinunter, legte seine Schwingen an das lederne Fell und schloss furchtvoll die Augen. Er spürte jene Bewegungen in den Sphären, die kalte Donnerluft und die Brandung der Seelen. Es musste ihn schmerzen, sehr schmerzen. Wie er hier stand, neben mir standhielt und meine Schritte ins unermessliche verfolgte. Ich beugte mich hinab. Bat den Wind ein letztes Mal Wärme in diesen Kopf zu blasen. Und reute nicht. Die Haut errötete und ließ mich frösteln.
Wie konnten wir Träume, die wir nur da sind, nicht einmal Gefühle haben, wie konnten wir stehen und einfach da stehen? Es war geschehen. Die Katastrophe hatte sich ereignet und dieses Wesen dessen Hände sich stets um unsere Herzen geschlossen hatten, lag nun ausgebreitet vor uns wie mit kalter Schwärze da.
Hinter mir erbebte die Erde, als Sayyal einmal wissend schnaubte. Was hatten wir getan?
Endlich brach Geschrei los unter den Brüdern der Träume. Sie störten sich nicht, dass ich in ihrer Mitte stand und darniederbrach. Es war mein Blut gewesen, das hier nun vergossen lag. Und es würde meine Seele sein, die sich in den Weiten des Sandmeeres durch die Fluten kämpfen sollte. Entgegen dem Sturm. Entgegen der Zeit. Alles noch einmal von vorn. Hörten sie nicht den Mond, wie er am Flaschenzug über die Sonne gehoben wurde? Fühlten sie nicht auch in sich was sich meiner nun gewaltsam entzog?
Ich war nur ein Traum. Und ich hatte Ziele. Ich war nur ein Traum, der liebte. Meine Liebe kannte keine Grenzen und führte mich so oft weit hinter den Horizont. So weit weit fort. Jetzt lag sie vor mir im braunen Gemisch aus Steinen. Nicht mehr hinter der Schattennarbe, nicht mehr vor dem Licht. Sayyal senkte die Stirn und erhob ein laues Flüstern. Und es führte mich fort von der Seele, die einmal mein gewesen war. Der Junge, das was wir von ihm als letzte sahen, der ward begraben, in einer anderen Welt. Und so trug mich mein Freund, der Drache, hinüber zur Stadt. Lass dir einen neuen Jungen suchen, sprach er hinter mir zu. Wie hätte ich das ertragen können? Wie konnte ich leben?
Nichts mehr lebte in mir. Ich fühlte mich ebenso tot wie mein Freund, der Wind. Wind, der gleichsam atmete und nie aufhören konnte. Und trotzdem in seiner Angst und seinem Willen so sehr allein zu einsam war.
Ich bat den Drachen, mich abzusetzen, kurz vor den Brandmauern der Häuserwelt. Bis hier hin. Nicht weiter durfte ich hinein in eine Welt, in der Versagen nur vernichtend betrachtet wurde. Die großen Augen, Sayyals Blick, nährten meine Angst nicht, aber sie schürten auch kein Feuer. Unter dem Apfelbaum dort hinten erwarteten wir die kommende Nacht.

24.6.2011 © ShaitanJr

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Sayyal Teil III. Viel Spaß!

Posted in Kurzgeschichten on 24. November 2011 by nonesense

Diesmal sag ich nichts dazu.^^

Im Geist des Einen

Mit der letzten Erfahrung hat mich Sayyal bestätigt. Es war seine Zeit gewesen. So ist es, Tod und Leben liegen so dicht bei einander. Auch für Träume gibt es nur diese eine Möglichkeit. Wie schön wäre es, man könne das ewige Leben träumen, sagt ihr. Die Menschen unter uns zerren die warmen Winterdecken an die nackten Seelen um sich, um wenigstens den Traum von Einsamkeit zu vergessen. Ist das eure Vorstellung? Ewiges Leben in stetiger Einsamkeit?
Auch wir können einsam sein. Einmal musste ich Sayyal schon stehen lassen an zu heißen Winden. Die Wachsflügel hinter seinen Lederschwingen hätten ihm schmelzen können. Die Luft war zu stickig. Wir befanden uns in einem Traum, etwas das ihr Alptraum nennt. Der Mensch darin – es war nur ein Kind – schrie sich die Lungen wund. Und wir saßen in eben diesen Lungen, hauchten so stark wir konnten das Leben hinein. Um uns herum brannte die Haut nieder, Seelenstaub verflocht zu einer einzigen Masse. Diesem einsamen Kind konnten wir nicht helfen. Damals waren wir gerade erst zusammen gekommen, auf einander gestoßen, gemeinsam geboren.
Dieser neuerliche Flug durch die Hirnwelten hinter all den verschlossenen Türen zog uns mit zielstrebiger Sicherheit auf die Einsamkeit zu. Diese Frau, die wir gleich besuchten, verabscheute Fremde. Würde sie uns einlassen? In ihrer endlosen Verbitterung würde sie nicht erkennen, wer wir waren. Vorsichtig setzte mein Drache zur Landung an.
Schon kühlere Winde schrien uns entgegen, hier waren wir richtig. Aus meinem Traumbeutel suchte ich nach etwas, das dieser Frau wieder ein wenig Leben schenken konnte. Da! Ein Traum. Ein kleiner nur, aber mit einem menschlichen Wesen darin. In dem Traumglas hatte mein Großvater einst einen Menschen gefangen, der seine Seele fort geschmissen hatte. Nun war es an der Zeit,
diese frei zu lassen. Sie sollte der Frau die starre Ewigkeit nehmen und die triste Frostlosigkeit ausschmücken.
Durch einige Gänge mussten wir wandern. Sie waren mal breit und gewölbeartig, dann wieder schmal und von abweisend vermodertem Stein. Hier also fanden wir die Abwehr der Frau bereits bröckelnd vor. Schließlich überlistete sie uns. Die Gänge wurden heller, aber auch enger.
„Da vorne kann ich nicht weiter. So sehr ich mich auch anstrenge, durch diesen Gang werde ich nicht passen.“
Sayyal bekam Panik, dass wir es nicht schaffen würden. Auch mir wurde bange. Eben als die Wände sich zum Gang hin verjüngten, drehte ich mich zu ihm um und blickte in die mondleeren Augen. „Was nun mein Freund?“
Ein wenig sprachlos stand er da mit seiner verbogenen Zunge. Bald legte er den Kopf schief zur Rechten, bald neigte er ihn zur Linken. „Du musst.“ Die Worte hallten in mir nach bis sie echoend verklangen. In den besorgten Augen des Drachen fand ich mich wieder, verlor den Halt und krallte meinen Blick in den seinen. Allein konnte ich nicht weiter gehen. Fühlte in mir die Feen tanzen vor Schadenfreude. Ich wusste, dass dieser Frau nur unser Traumglas helfen konnte. Doch hier würde sie es nicht sehen können und der gefangene Seelenwanderer würde verschwinden, in den Untiefen des Labyrinths. Langsam nickte ich.
An dieser Stelle musste ich. Einsamkeit schmerzt. Aber mir blieb keine Wahl. Wollte ich die einsame Welt der Menschenfrau retten, würde mein kleines Traumsein dafür herhalten. Ein letzter verzweifelter Kuss unserer Blicke und Sayyal schloss die Augen.
„Geh“, sprach er. „Geh, lass die Welt ihren Frieden finden. Ich warte.“
Mit neuer Zuversicht und dem Vertrauen auf die Sicherheit dank Sayyals Vorhersagen trat ich durch den Flur. Schmaler und schmaler wurde er, die Decke sank herab. Irgendwo endete der Schlauch und deutete auf das Herz der Frau. Endlich der richtige Anlaufpunkt. Von diesem Ort aus würde der Gefangene nicht weit fliehen können, sondern musste seine Aufgabe wahrnehmen. Es lag nicht an mir, ihn hier zu behalten. Aber wenn es der Frau half, so wollte es auch mir helfen. Mich verzehrte stark nach Sayyals Anwesenheit, seiner Ruhe und seinem Schutz. Seinem klaren Verstand und seiner Schönheit. Mit Bedacht wog ich die Traumkugel in den Händen. Sie wurde warm. Jetzt oder nie.
Kräftig holte ich zum Wurf aus. Der Krach des platzenden Glases weckte die Frau, sie zitterte. Doch ab hier konnte ich nichts mehr für sie tun. Nur noch fort, zurück zu meinem Drachen! Den Weg fand ich nun nicht mehr so leicht, die Gänge verschoben sich immer öfter, nun da die Frau den Tiefschlaf verlassen hatte. Jetzt wirkte der Traum. Ich musste raus, sonst würde ich binnen weniger Sekundenbruchteile mit dem Traumglas verdampfen. Ein Magnet dockte hinter meinem Traumsein an. Sayyal. Ich konnte aufatmen. Er führte mich zielsicher durch die Steinformationen bis ich an den großen Höhlen stand, in denen Sayyal auf mich wartete.
„Lass uns verschwinden. Der Auftrag ist zu riskant. Wir haben unsere Aufgabe erfüllt, den Rest muss sie allein schaffen.“
Würde sie es schaffen oder versagen wie jener Alte, dem wir das Lebenslicht sanft gelöscht hatten?
Mit vereinten Kräften schwang Sayyal die vier Flügel und raste gerade zu aus den Grotten. Es war knapp, denn hinter uns begannen die Farben einzustürzen und die Wände bröckelten. Bald sollte von all dem nichts mehr übrig sein. Endlich durchbrachen wir die letzten Wälle der Feen, bis wir über der Stirn der Frau zu Atem kamen. Es war gut gegangen. Dank Sayyal.

Die Frau begann zu zwinkern. Das Zittern und Zucken einiger Muskeln machten uns klar, dass sie aufwachte. Und grinste. Hatten wir alles richtig gemacht? Ja, der Traum war richtig gewesen. Sie hatte ihren Traumpartner gefunden. Dank uns.
„Wir haben es wieder einmal geschafft. Sayyal, lass uns nun beidrehen und die Frau mit ihrem Glück allein.“ Tatsächlich entfernten wir uns ein weites Stück von ihr. Aber das Licht und die Freude, die sie ausstrahlte, fühlten wir noch in den letzten Winkeln unseres Seins.

29.7.2011 © ShaitanJr

Sayyal Teil II. Bitteschön. :)

Posted in Kurzgeschichten on 24. November 2011 by nonesense

Und hier nun also geht es weiter.
PS: Wer nach einer speziellen Geschichte sucht, kann dies in der Kategorie Kurzgeschichten auf der rechten Seite im Menü tun oder die Suchfunktion benutzen.

Traumgeister im Höhenflug

Sayyal spannt seine Flügel aus. Wir heben ab, mein Drache und ich. Nichts hält uns mehr, wenn wir die Nächte hindurch zwischen den Köpfen hin und her springen. Gestern haben wir den Horizont gesehen, heute sind wir schon so viel weiter.
Der Wind fegt an uns vorbei. Niemand begegnet uns in der Einsamkeit.

Weißt du“, sage ich zu ihm, „warum der Wind uns nur flüchtig begrüßt und schon verfliegt, sehen wir ihm nach?“
Sayyal hebt den Kopf; ich kraule ihn über die schuppige Haut.

Ja“, finde ich. „Ja, es ist der Grund, es muss jener sein.“ Fragend blickt mein Drache der Sonne entgegen.
Weißt du, wenn die Elfen fliegen, an einander sich mit den Händen halten, den zarten. Dann schweben sie kraft ihrer Leben und versammeln sich in den Lüften. Sie kommen uns zwischen die Augen, wir sehen sie doch nie.“
Auch Sayyal hat verstanden.
Unter uns erstreckt sich ein Blau, das der Nacht den Atem raubt. So grün verschwimmen Felder und moosbewucherte Ufer, dass man nichts mehr sonst erkennt. Zu hoch haben uns die Elfen bereits getragen, zu schnell sind Sayyals Flügel für meine Augen.
Und sie beginnen um uns herum zu tanzen. Wirbeln einige leere Blätter aus den Baumkronen auf, versprühen Wassertröpfchen. Sayyal hat Wasser im Gesicht, es rinnt im die Wangen entlang bis über die zarten Spitzen der Hörner. Ein gewaltiger Flügelschlag und wir stürzen hinab, immer schneller durch die tobenden Massen der Elfen. Ich drücke mich an ihn um nicht herunter zu fallen, kraule ihm wieder sanft den Nacken und warte darauf, dass wir ankommen.
Es knallt und wir stehen. Im Dunklen. Etwas eingerostet erhebe ich mich und steige von Sayyals Rücken. Hier sind wir also, im Kopf dieses Mannes. Wieder einer jener, denen wir Träume bringen. Und diesmal schläft er schlecht. In einer noch finstereren Ecke kauert er, hält die Knie ans Kinn gedrückt und wiegt sich mit starrem Blick hin und her. Er ist hilflos, wenn wir ihm keinen Traum geben. Es zerreißt mir das offene Herz, dass er so stumpfsinnig ist. Gleich wird er wieder fühlen. Aus den Taschen suche ich nach dem passenden Traum und lege die kleine Traumkugel vor ihn hin. Endlich hört er auf, sich hin und her zu wiegen. Sieht mich mit noch leeren Augen an und beginnt, die Kugel zu betasten. Ja, er ist blind. Wenn er nach dem Abenteuer wieder hier her zurückkehrt, wird er sehen. Sayyal hinter mir beginnt zu kichern. Er ist froh, wenn der einsame Mann bald wieder sieht. Nun aber keine Zeit verlieren! Der Mensch ist im Begriff, die Kugel in die Hände zu nehmen und seine Traumreise zu beginnen. Hier dürfen wir nicht stören. Was sollen Traumgeister auch in einem Traum, den sie kennen?
Der Mann muss das ganz allein schaffen. Mit einem letzten Seufzer verabschiede ich mich und Sayyal spannt wieder seine ledernen Flügel. Die weichen Federn daran beginnen zu schwingen. Jetzt wird es Zeit.

Nun Sayyal, was denkst du? Wird er es schaffen?“, frage ich ihn, als wir wieder unterwegs sind. Kräftig nickt er und spricht unhörbar zu mir. „ WIr waren zu vorschnell. Vielleicht hat er keine Kraft. Dieser Alptraum wird ihn noch mehr erschüttern.“ Verwundert blicke ich nach unten, in die Richtung aus der wir kommen. Ja, Sayyal hat Recht. Er hat immer Recht, kein Zweifel. Wir drehen um.
Tatsächlich finden wir den inzwischen ergrauten Greis hinter seinem Traum wieder. Er hat sich in der Kugel eingeschlossen und rennt an dem Glas entlang um zu entkommen. Etwas jagt ihn. Noch einmal fragend blicke ich zu Sayyal hinüber. Soll ich? Ein mahnender Blick erwidert den meinen. Ich tu es nicht gern, aber ich muss. Kurzerhand nehme ich die Kugel und schleudere sie in den Abgrund. Irgendwo dort unten wird der Mann in seiner Kugel aufprallen, sie wird zerspringen. Und das Leben wird mit ihm aus dem Glasgefängnis fliehen.
Ist es eine Erlösung? Sayyal schließt einmal kurz die Augen. Die Dunkelheit des nahenden Todes holt uns ein.
Von außen sehen wir ihn dann, den Mann in seiner sterblichen Hülle. Er atmet nicht mehr. Aber nun ist die Angst aus ihm geflohen, wir haben es geschafft. Dankbar streichle ich Sayyal über die Stirn und drücke mich an seinen starken Rücken, um nicht von den Elfen niedergerissen zu werden: Wir fliegen. Noch einmal beginnt unsere Reise durch die Häuser der Nacht.

Last Edit: 13.7.2011 © ShaitanJr

Für alle Sayyal-Freunde. Hier berichten sie, wie alles anfing.

Posted in Kurzgeschichten on 24. November 2011 by nonesense

Obschon ich nun eher unbekanntes von mir gab, gibt es hier noch einmal zwei Leben, die so lang begleitet wurden. Sayyal. Türen auf für die Schatten aus den fernen Traumländern…

Der Weg des Windes

Sayyal. Und weiter. Schneller fuhr uns der Wind durch die Hände bis wir abhoben. Sayyal, mein Drache. Und ich, der Traum.
Wir flogen weit hinüber, später noch erzählten wir davon, flogen und bliesen hier und da die letzten Lichter aus. Der Wind hauchte sein Wispern unter Sayyals Flügel, die federbeschneit über den Dächern wie Wolken hingen. Golden waren seine Augen, und in ihnen sah ich so oft, was mir verwehrt war. Ein Leben. Nein, nicht irgendeines. Nicht das eine, das ich lebte. Nicht die Leben, die schon so viele Träume vor mir gelebt haben. Ich wollte es schmecken, das Leben, das in Sayyals Augen brannte und ihm auf seinem dunklen Lichterweg leuchtete. Es war so anders, denn es war nicht das Leben eines Wesens, das fähig war zu sein.
Ich wollte mit Sayyal hinüber, bis weit hinter den Horizont, wo die Menschen der Stadt längst aufgehört hatten, Sinn und Unsinn, wahr und unwahr oder gar gut und böse zu unterscheiden. Dort sollte es sich leben lassen, für Sayyal und mich, den Traum. Aber Träume sind nun, wie alle Wesen, zum Sein bestimmt und müssen ihren vorgegebenen Weg gehen. Ein bisschen Schicksal hier, einen Funken Gottheit dort und zu guter letzt eine Messerspitze Menschsein. Wir sind doch alle ein bisschen Mensch. Tief in uns und weit dort draußen, wo alles aufhört so zu sein wie wir es uns wünschen. Auch Sayyal ist Mensch, auch ich. Und auch alle die Wesen, die zwischen Welten in Trümmern umher gehen und sich selbst suchen. Alle die Existenzen, die neu sind. Die schon immer waren oder die nie sein werden. Alle, die nicht sprechen, nicht denken, so wie wir. Träume können nicht denken. Mein Drache denkt nicht. Sayyal fühlt. Sayyal weiß. Manchmal sagt er mir, wenn er etwas vergessen zu haben glaubt. Und dann erinnere ich ihn daran, dass seine Sehnsucht nicht echt ist. Tröste ihn und zeige ihm, warum alles Wissen immer in uns ist. Alles was wir wissen müssen, ist da und kann nicht vergessen werden. Energie, die ist, kann nicht einfach gelöscht werden. Licht, das gelöscht wird, erstrahlt an einer anderen Stelle neu – vielleicht nicht mehr sichtbar, aber stetig.
Und so flogen auch wir, mein Drache. Wir schwebten über Häuser und Felder, entsandten Nachtgrüße und weckten zum Morgengrauen. Immer der Gegenwind, der uns um die Schultern peitschte, die schmalen. Träume brauchen nicht viel Platz. Aber sie sind manchmal größer als man es sich vorstellen kann.
Bald schon sahen wir das Licht vor uns, silbern schimmerte unser Ziel für uns. Sayyal, ich glaubte es, er weinte. Vor Glück und Erleichterung. Bald würden wir da sein. Bald rasten. Für immer. Nur diese eine Strecke noch. Es war doch nie weit. Nie gewesen.
Ein paar letzte Flügelschläge noch, bevor mein Drache niedersank und wir uns hinter den Gittern unseres Seins wieder fanden. Ein letztes Schnaufen, bevor ich die Augen schloss und den neuen Weg in die ewige Dunkelheit antrat.

19.02.2010 © ShaitanJr

Es wintert in den Herzen…

Posted in Kurzgeschichten on 24. November 2011 by nonesense

Diese Geschichte schrieb ich, als ich das Dorf sah. Doch darin musste ich bald eine viel größere Wahrheit erkennen. Es ist erschreckend, wie stark man sein muss, um an einem solchen Verlust nicht zu zerbrechen…

Schneesohn

SOHN: Es gab das Dorf, Suzette. Und ich bin sicher, dass man es finden wird, irgendwo dort draußen.

MUTTER: Aber nicht ein einziges Wort entfloh meinen Lippen. Wie können sie wissen?

VATER: Goldbarren liegen dort, sagt man. Ich sage es nicht, ich weiß es.

SOHN: Und der Schnee fiel, Suzette! Der Schnee! Als hätte es je etwas Unschuldigeres gegeben!

MUTTER: Aber fort ist all die Wärme, das Traute. Wohin fiel mein Verstand nur, in welches Tal?

VATER: Sie sagen es alle. Hunde streunen dort. Sie sagen es, denken. Ich denke, ich weiß es.

SOHN: Verdammt, fiel Schnee, Suzette! Das Dorf ward zugeschneit, tief in mir.

MUTTER: Aber nicht die Landschaft. Zugeschneit bleiben doch nur die Dächer, Straßen.

VATER: Und vielleicht entzündest du ein Streichholz dort. Auf dass es das Dorf wärme.

SOHN: Suzette, nicht! Ich enteile deiner, rührst du auch nur einen Finger. Lass mich den Schnee noch länger sehn.

MUTTER: Aber dein Haar wird ganz nass. Du wirst frieren. Lass uns das Dorf verlassen sein. Nur verbanne die Nacht für mich.

VATER: Ewig mögst du den Himmel schauen, kannst es doch nicht lassen.

SOHN: Nur noch diesen einen Moment, Suzette. Bevor ich mit dem Dorf Geschichte werde.

MUTTER: Aber nimmer sollst du wenden. Alles kann nicht ewig leben. Das Dorf wird nicht vergessen sein.

VATER: Törichte Suzette, doch. Ein wenig Flammen für ein gepeinigtes Herz. Alsdann sollst du wieder auferstehen.

SOHN: Kann nicht sterben, Suzette. Nur dieses dein Flüstern beschwert mich. Nun gib mir nur diesen einen Moment, ich werd dir nicht entfliehen.

MUTTER: Aber du wirst doch so nass, Kind. Der Schnee! Es flucht in meinem Verstand über dieses Dorf, diese Kälte, deine Torheit.

VATER: Na, du spürst es, Suzette. Es ist das Dorf, das eingeschneite, das dich frieren macht.

SOHN: So lass die Tränen, Suzette. Ich sehe es deutlich vor mir, das Dorf. Nie bin ich dort gewesen.

MUTTER: Kann dich nicht halten, Kind. Mein Vogel, gesunden sollst du! Schüttle ab jeden Schnee!

VATER: Er ist fort, Suzette. Hinüber ins Dorf, hinab unter den Schnee, wo seine Seele frei ist.

SOHN: Fort, Suzette. Fort.

MUTTER: Mein Junge! Kann deine Mutter dich nicht noch einmal wärmen?

VATER: Lass ab, Suzette. Mein Sohn hat den Schnee gesucht im großen Tal. Lass uns nun neue Hügel finden, droben gegen das Licht.

© ShaitanJr 11.01.2010

Willkommen in der Sinister Draconis Welt.

Posted in Uncategorized on 23. November 2011 by nonesense

Hello world,

oder wie man einen Blog sonst beginnt. Auf diesem noch recht unspekakulären Blog wird sich bald ein Teil meiner kreativen Arbeit auftun.

Wer ist die und was soll das mit dem Draconis? Gute Frage, schön dass du sie gleich zu Anfang stellst. Sinister Draconis ist lateinisch und bedeutet in etwa „die linke Hand des Drachen“. Hä? Drache, Hand? Was denn jetzt…? Der Drache als Fabelwesen, Führer und Beschützer steht für Anmut, Kraft, Eleganz, Intelligenz, Ernsthaftigkeit, Freiheit, Gelassenheit, Weisheit und noch viel mehr. Ich bezeichne mich an dieser Stelle als reichlich fantasievoll, tagträumend und nicht besonders realitätsnah. Dafür steht also die Linke Seite. Und nun zum zweiten Teil der Frage.

Wer ist die, die sich so hinter dem komischen Namen versteckt? Ihr dürft euch freuen, denn es kommt noch ein seltsamer Name: ShaitanJr. Ja, ich bin weiblich und ja, ich bin durchaus in der Kategorie Ü20 einzuordnen. Ebenso ja, ich bin ein Schubladenmensch. Wer sich nun der wahrscheinlichen Mehrheit anschließt und sagt: „Boah wie öde, so einen oberflächlichen Menschen habe ich nicht erwartet.“, der trete nun bitteschön von meiner virtuellen Türschwelle hinunter. Herzlichen Dank.
Für den geneigten Leser, dessen Interesse nun erstrecht geweckt wurde, gibts die Auflösung auf dem Fuße.

ShaitanJr ist – wie die Outsider gern sagen – mein Szenename. Ich bewege mich seit über 7 Jahren in der Schwarzen Szene, bin ein stolzer Teil ihrer und obendrein gestalte ich sie sehr gern mit. Wie vielfältig meine Bestrebungen ausfallen, das erfährst du noch in weiteren Beiträgen. In erster Linie aber bekommst du hier seltsam anmutende Texte zu lesen. Was, Texte? Noch mehr lesen? Nee, danke. Bitteschön, auf Wiedersehen.
Oder sollte ich sagen, lasst uns das Buch endlich öffnen? Na dann, her damit!

Bevor ich nun in der nächsten Zeit beginne, ganze Werke vorzustellen, möchte ich dir nochmals einen Hinweis aussprechen. Äh, ausschreiben: Meine Texte sind nicht selten inspiriert von dem deutschen Gothic Novel-Musiker ASP, dessen Sprachgenie ich an dieser Stelle loben möchte. Trotzdem sind sie ganz mein Eigentum und sie zeigen die Welt für den geneigten Leser so, wie ich sie sehe. Du bekommst nicht ganz einfache Kost. Keine Komik, keine Rezepte für Weihnachten und auch keine Bastelanleitungen. Nicht einmal Mode stelle ich hier vor. Ganz im Gegenteil zur Mode befrage ich meine Sinne danach, was in den Untiefen dieser Welt lauern mag, was neue Welten hierzulande erkennbar macht und worin der Unterschied zwischen Gut und Böse liegt. Es ist Kunst – in voller Konzentration und Hingabe zum entstehenden Wort verankerte Literatur mit einem unverkennbaren Hauch Schwärze.

Nichts ist leichter, als die Welt hinzunehmen wie sie ist. Und nichts ist leichter, als die Hände zu falten, statt sich um Veränderung zu bemühen – mein Dank geht an Mahatma Ghandi, der mit ebendiesem Ausspruch für Furore ebenso wie für Begeisterung gesorgt hat. Es gibt in dieser Welt stets etwas zu verändern, zu verbessern oder gar zu verschlimmbessern. Niemals können wir ALLE Konsequenzen vorhersehen. Nachher allerdings schon. Und darum befassen sich meine zugegeben nicht selten experimentellen Texte mit der Theorie des Getanhabens, Gedachtseins und Getanseinwollens.

Ich glaube, dass diese Vorstellung vom Sein in der Welt der Sinister Draconis fürs erste ausreicht. Wer Fragen hat, möge sie entweder im Kommentar stellen, oder sie für später aufheben – wer weiß, vielleicht wird sie dank Telepatie beantwortet. Damit wünsche ich dir noch eine angenehme Zeit.
Der Drache möge dich beschützen.