Vorwärts-Abwärts. Fingerübung.

Posted in Kurzgeschichten on 13. August 2016 by nonesense

Nur ein Übungstext, aber gefällt mir schon ganz gut. Als Kurzgeschichte definitiv ausreichend.

Vorwärts-Abwärts.

„Was nimmst du dir für das nächste Jahr vor?“, fragte sie lachend und zeigte ihm die Zunge. Er zuckte mit den Schultern. „Nichts.“
„Nichts?“ Ein ungläubiger Blick begleitete die entrüstete Frage. Das war unmöglich.
„Jeder Mensch nimmt sich doch etwas vor. Warum du nicht?“ Sie stemmte die Hände in die Hüften, so wie sie es schon immer getan hatte, wenn sie wütend oder ungeduldig wurde.
Auch er verschränkte die Arme. Etwas an dem Ton ihrer Frage sagte ihm intuitiv, dass etwas nicht stimmte.
„Ja, nichts. Weil ich es nicht will. Nie wieder. Ich will zurück in die Zeit, als es noch egal war, was man tat oder sich vornahm. Als es noch nicht um ‚größer, schneller, weiter‘ ging. Zurück in ein entspanntes Leben.“
„Also nimmst du dir ja doch etwas vor.“ Jetzt wich der Unglauben der Erleichterung. Sie hob die rechte Hand, um ihn im Gesicht vorsichtig zu berühren. „Nichts ist wichtiger, als sich etwas vorzunehmen. Und wenn es Rückschritte sind, dann ist es so. Du musst aufhören, immer so nachlässig zu sein. Zielstrebigkeit verleiht einem Menschen wahre Größe.“
„Vielleicht. Aber du bist nicht meine Mutter.“ Für einen Moment wollte er ihre freundschaftliche Geste zur Beschwichtigung annehmen. Dass sie aber erneut Forderungen an ihn stellte, ließ ihn endgültig einsehen, dass er hier am falschen Ufer fischte. Mit einer kurzen Bewegung fing er ihre Hand auf und wischte sie patzig bei Seite.

Grau. Eine Kurzgeschichte.

Posted in Kurzgeschichten on 7. März 2015 by nonesense

Windstill liegt die Nacht, als der Mond sich hinter dem Horizont erhebt. Eine Schattengestalt bewegt sich unmerklich zwischen Hauswänden und Steinlawinen, flüchtend, huschend, heimlich. Wovon wir nichts wissen, ist die Tragik der Einsamkeit. Es gibt sie dort draußen, die Flehenden und die Naiven. Aber vor allem gibt es eines: die Starken. Sie rennen zwischen den Türmen hin und her und wechseln ihre Posten, schneller als du schauen kannst.
Vielleicht hätte Hugo sich anders verhalten, wenn er nicht stark gewesen wäre. Doch er galt als Musterknabe. Still, sittsam, adrett und zuvorkommend. Nirgendwo nahm man ihm übel, dass die bedeckten Farben seiner Kleidung ein wenig trist wirkten und womöglich hätten in die Altkleidersammlung gehört.
Hugo also, dieser eigenartig gute Mensch, schlüpfte zwischen den Häuserschluchten hindurch. Und da gab es noch ein Geräusch, das ihm folgte wo auch immer er seinen Fuß setzte. Nacktes Hundegebell verdrängte das sommerliche Zirpen der Zikaden in den Vorgärten. Nur allzu perfekt schien die Leere, in die sich der Herrenmensch erschöpft von geistiger Arbeit sinken ließ. Nein, Hugo würde das nicht hinnehmen. Was trieb ihn an, den Sucher, den Hüter und Wächter aller Einsamkeiten? Wahrscheinlich erfahren wir es, wenn wir nur weiter hinsehen. Tief zwischen den Straßenlaternen unter einem glühenden Blutmond trug sich nun folgendes zu.

Scherben barsten. Sicher eine Scheibe, irgendwo im Zwielicht hinter den Mülltonnen. Dies war die Großstadt und wenn man nicht aufpasste, wurde man eben erwischt. Die verletzte Hand schüttelnd, suchte Hugo nach dem Loch, das er geschlagen hatte. Wohlig warm wurde es, drinnen war’s beheizt. Ein Klicken und die Tür mit der viel zu unsicheren Fensterscheibe tat sich auf. Die schweren Stiefel hämmerten viel zu laut über die dunklen Dielen. Es roch nach einer Mischung aus Katzenurin und alter Frau. War hier überhaupt noch was zu holen?
Tante Erna lag inzwischen wahrscheinlich schnarchend unter der Decke. Es würde so einfach sein. Und das war gut.

Der Computer schaltete sich ein. Hugo ließ die Finger über die Tastatur gleiten. Nein, keine Sicherung, kein Passwort. Die Daten waren so einfach zu beschaffen, dass man sich fragen musste, ob der Dame je einmal einer erklärt hatte, dass man seine Daten schützen muss. Ein Pieps aus dem Gerät – Hugo hatte eine Falle erwischt. Und dann kam der Rausch. Wie altgewohnt und unterbewusst tippte der Maskierte in das Bedienfeld ein, was er suchte. Fand den Datensatz und sicherte alle Funde. Morgen früh dann, wenn der Betreuer der Tante Erna hier vorbei sehen würde, sollte nichts mehr zu finden sein – für die Gesetzeshüter nicht, aber auch nicht für Konkurrenz.
Noch ein Klicken und die Tür öffnete sich ein letztes Mal in dieser Nacht, als Hugo auf die Straße trat. Leichter ging jetzt sein Schritt, nur die Hunde bellten noch immer.

Wind hebt sich in dieser Nacht, in der endlich Wolken sanft vorüber ziehen. Tante Erna würde sie nie wieder sehen, aber das konnte Hugo getrost vergessen. Darum kümmern sich eines Tages andere.
Seine Ziele galten der Sicherheit und er war bereit, seine eigene aufzugeben. Die Datensätze in seiner Tasche beschwingten Hugo unter seiner Maske derart, dass er ein Grinsen nicht unterdrücken konnte. Wahrscheinlich atmete er jetzt sogar leichter. Und wieder dachte er an Erna. Wie sie kurz aufgewacht und mit aufgerissenen Augen in die Kissen sank. Wie ihre Hände zitterten. Und er atmete noch immer diesen widerlichen Geruch.

Dabei konnte man sich ausmalen, dass alles nicht umsonst war. Trotzdem wollte er es nicht mehr tun. Alte Frauen zu riechen, war einer seiner größten Alpträume. So alt würde er nicht werden, das war Hugo völlig klar. Aber wer weiß schon, wozu er noch bereit gewesen wäre, wenn wir ihn nicht beobachtet hätten.
Alles was danach geschah, wirkte skurril, wie unter kalt fließendem Neonlicht in einer dicht gefliesten Zelle unter Tage. Das neue Zuhause war nicht groß. Drei Schritte in die eine, fünf Schritte in die andere Richtung. Ein Bett gab es nicht, auch sonst nichts was bequem war. Nur eine Decke, die hatte man ihm zugestanden.
Hugo krallte sich den Stoff. Schloss hartnäckig die Augen. Dachte an Erna, wie sie ihn entsetzt ansah, in dem Wissen, dass ihre letzte Sekunde angebrochen war. Ihren letzten Atemzug konnte sie nicht mehr genießen.

Andererseits musste Hugo sich eingestehen, dass die Häuserflut, in der Erna gelebt hatte, auch nicht viel besser gewesen sein konnten. Alles was sie trieb, war eines. Einsamkeit. Erna gehörte zu den Starken. Sie hatte Geld, Einfluss. Hugo hätte alles stehlen können. Teure Kunst, Wertsachen, Geld. Einfach alles. Aber er nahm das, was ihr das heiligste gewesen war. Ihre empfindlichen Daten. Die Rache tat ihm gut.
Hugo war ein Krieger. Und er holte alles das zurück, was der Sicherheit geraubt worden war. Irgendwann hatten sie ihn auch geholt. Vielleicht – so mitten in der Sicherheit – konnte er jetzt nicht mehr einsam sein.
Zumindest Erna würde er nie wieder vergessen.

(C) ShaitanJr, 7.3.2015

Das Märchen vom Lügengraf

Posted in Kurzgeschichten on 24. Juni 2014 by nonesense

Ich habe mich entschieden, mein Märchen hier hochzuladen, obwohl mir eine neutrale Plattform lieber gewesen wäre. Die Einfachheit der Unternehmung hat mich letztlich überzeugt.
Ich muss darauf hinweisen, dass eventuelle Ähnlichkeiten mit natürlichen, existierenden Personen nur zufällig und paradoxerweise beabsichtigt sind – denn: Das Märchen vom Lügengraf ist nicht nur ein Märchen, sondern auch eine Parodie!

 

Das Märchen vom Lügengraf

Es war einmal im Mittelalter ein kauziger Graf. Der hatte ein wunderschönes weißes Schloss mit vielen Türmen. Viele Bedienstete nannte er sein eigen, prächtige Pferde, teure Waffen und tapfere Ritter. Zu dem Schloss gehörten weitläufige Wiesen, auf denen es im Frühling herrlich blühte und im Sommer hörte man überall die Bienen summen. Die Mädchen waren sehr hübsch und artig, ihren Männern treu ergebene Partnerinnen. Doch all das reichte dem Grafen nicht. Askan von As La Ban langweilte sich in seinem Schloss, die Untertanten kamen nicht mehr so oft um ihm zu huldigen und selbst seine Hunde streunten lieber auf der Suche nach Fressbarem umher als bei ihm zu liegen.
Da lief Graf Askan eines Tages ziellos durch sein Schloss und sann darüber nach, wie er seine Langeweile besiegen konnte. Katzen umschnurrten seine Beine und Kinder rannten spielend an ihm vorbei. Doch all das beachtete er nicht. Askan von As La Ban wusste, dass er alt wurde und in seinem Leben nichts erreicht hatte. Sein Titel und sein Schloss waren geerbt, und all sein Reichtum reichte nicht aus, um seinen Namen im ganzen Land berühmt zu machen. Schließlich setzte sich Askan zu den Kindern, die im Hof spielten. Sollte sein Leben so langweilig weiter gehen?
Da hörte er, wie die Jungs sich etwas zuriefen, als ein Mädchen vorüber schritt.
„Die würde ich so gern mal küssen“, sagte der eine. „Ich auch“, entgegnete der andere. „Lass uns wetten, wer schneller laufen kann. Der, der schneller läuft, bekommt das Mädchen.“
Der Graf neigte den Kopf. Sollte er sich eine schöne Frau suchen, so wie es die Jungen zu tun pflegten? Bald darauf ging er weiter durch seinen Hof. Hier bei den Pferdeställen hörte er zwei Ritter streiten. Der eine schrie: „Du wirst niemals so gut kämpfen wie ich!“ Der andere polterte: „Dafür wirst du niemals so gut reiten wie ich!“ „So lass uns wetten“, sprach der erste Ritter, „damit der, der besser kämpfen und reiten kann, Schwert und Pferd des anderen erhält.“
Über diese Leichtsinnigkeit konnte Graf Askan von As La Ban nur den Kopf schütteln. Doch dann fragte er sich, was diese Männer wohl zu verlieren hätten? In seinem Schloss mangelte es den Recken an nichts und sie konnten während ihrer Ausbildung und ihrem Dienst stets auf die Waffen und Pferde des Grafen zurückgreifen.
Weil ihm aber immer noch langweilig war, beschloss Askan mit seiner Kutsche über Land zu fahren. Vielleicht würde er hier etwas Zerstreuung finden. So fuhr er eine ganze Weile, bis er an einer Wiese vorüber kam, auf der Bauern gerade Heu machten. Der Kutscher hielt die Pferde an, damit der Graf die Arbeit der Bauern einmal kontrollieren konnte.
Da sprach ein Bauer, in Unwissenheit, dass der Graf ihn hören konnte: „Der Graf ist doch nicht reich. Der König ist reich. König müsste man sein!“ Ein zweiter Bauer fügte an: „Da hast du Recht. Aber so lange der Graf auch nichts unternimmt, müssen wir froh um unsere Arbeit sein, damit wir ein Auskommen haben.“ Beide Männer nickten. Da kam ein dritter Bauer hinzu und fragte keck: „Möchtet ihr wetten, dass der Graf niemals zu echtem Ruhm und Reichtum kommt?“ Da sahen ihn die beiden anderen einen Moment unsicher an, weil sie nicht wussten, ob er die Frage ernst meinte. Doch dann lachten alle drei gemeinsam und widmeten sich wieder ihrer Arbeit.
Nachdem der Graf Askan von As La Ban das gehört hatte, wie die Bauern über ihn spotteten, wurde er sogleich sehr wütend. Doch dann fiel ihm auf, dass die Bauern Recht gehabt hatten. Er hatte ja wirklich noch nichts erreicht! Traurig und in Gedanken versunken fuhr der Graf wieder auf sein Schloss.

Am nächsten Morgen stand Askan mit viel Freude auf und erledigte seine täglichen Pflichten mit großem Eifer. Zunächst dachte er daran, dem Volk mehr Aufmerksamkeit zu geben. Aber gegen Ende des Tages musste Askan einsehen, dass er nichts mehr für seine Untertanen tun konnte, denn er hatte schon alles notwendige getan.
Der nächste Tag brachte dem Grafen endlich eine Idee. Er würde den König um eine Wette ersuchen. Wenn er es schaffte, den König zu überlisten, würde er alle Besitztümer und den majestätischen Rang erhalten, dessen war sich der Graf mit einem Mal sicher.
So reiste er schnellstens in die Hauptstadt, wo der König in seinem Palast wohnte. Dort befand sich auch der Audienzsaal, in dem man den Grafen von As La Ban empfangen wollte.
„Was wünscht Ihr, Graf?“, sagte der König einladend. Askan trat ein wenig unsicher vor den Thron. War es wirklich eine so gute Idee gewesen? Aber er ließ sich nichts anmerken. Stattdessen atmete Askan einmal tief durch und sagte mit Überzeugung in der Stimme: „König, ich bin hier, um Euch eine Wette anzubieten. Wenn Ihr gewinnt, so werde ich in Zukunft Euer treuester Vasall sein. Wenn ich gewinne, erhalte ich Euer Schloss mit allem was darin ist, Euer Land und Euren Rang als König.“
Darüber musste der König einen Moment nachdenken. Er befühlte seinen Bart und fand zuerst, dass eine Wette nichts für einen König sei. Dann aber besann er sich anders. Als Zeichen des Wohlwollens und zur Unterhaltung des Volkes sollte Graf Askan von As La Ban seine Wette vorbringen. Da erklärte dieser, was er sich ausgedacht hatte.
„Wir erzählen einfach von unseren Heldentaten. Das Volk hat einen König verdient, der etwas geleistet hat.“ Dass Graf Askan keine Heldentaten vorzuweisen hatte, wusste der König nicht, und auch nicht, dass Askan daher beschlossen hatte, nur ausgedachte Geschichten zu erzählen.
Der König, der schon vieles erlebt hatte, jedoch noch nie Heldentaten vollbringen konnte, überlegte seinerseits, dass ihm die Wette gut zu Gesicht stünde. Dass er dabei vor hatte zu lügen, sagte er natürlich nicht. So wandte sich der König an sein Volk und ließ einen Ausrufer kommen, der ankündigen sollte, wo der König und der Graf ihre Geschichten zum besten geben wollten. Tags darauf fand man sich auf einer Tribüne ein, die eigens über Nacht auf dem Marktplatz der Hauptstadt errichtet worden war.

Der Ausrufer erklärte den vielen Menschen, die sich das Spektakel nicht entgehen lassen wollten, am nächsten Morgen, um was es bei der Wette ging. Zuerst sollte der König seine Heldentaten vortragen, denn er hatte schließlich den höheren Rang. Dem Volk blieb danach die Entscheidung zu fällen, wie gut ihm die Geschichten gefallen hätten.
Als es endlich still wurde in der Menge, begann der König, dem schon die Hände schwitzig waren, laut zu sprechen:
„Untertanen, ich danke euch für euer zahlreiches Kommen. Ihr sollt wissen, dass euer König nicht unbekannt ist in den Landen. Er hat schon viel für euch getan. Erst gestern begegnete ich einer armen Bäuerin, die Brot auf dem Markt verkaufen wollte, doch niemand wollte ihr Brot kaufen. Ich sah ihre Not, denn ihre Kleider waren zerschlissen und sie hatte kaum Habseligkeiten bei sich.“ Dem Volk begannen die Augen zu leuchten. Sie liebten ihren König, denn sie wussten, was jetzt kam.
„Ich ging zu der armen Frau, nahm zehn Brote und gab ihr zwanzig Taler dafür.“ Ein siegreiches Grinsen des Königs traf den Grafen, der still an seinem Pult stand und lauschte. Das Volk jubelte. Jeder wusste, dass zwanzig Taler so viel waren, dass ein armer Mensch sich davon einen Monat lang ernähren konnte.
Weiter sprach der König: „Als ich noch jung war, da war ich wie ihr. Ich wollte die Welt sehen. Ich hasste es, König zu sein.“ Eine ausschweifende Handbewegung in Richtung der Spielleute machte deutlich, dass sie nun gelobt werden sollten. „Damals reiste ich mit ihnen, den Musikanten, Schaustellern und Narren, in ein Land namens Bella Musica. Wir erlernten und verbesserten die Spielkunst und allen Künstlern mangelte es in meiner Gegenwart an nichts!“
Bella Musica wurde ein weit entferntes Land genannt, welches ein Pilgerort für Spielleute war, die sich einen Namen machen wollten.
„Bei der Jagd erlebte ich einen Kampf mit dem Goldenen Hirsch“, erzählte der König weiter. Durch die Menge ging ein Raunen. Der Goldene Hirsch war noch niemandem begegnet, doch niemand zweifelte an seiner Existenz.
„Jawohl“, fuhr der König fort, „ich habe mit einer Schrotflinte, die rückwärts schießt, den Goldenen Hirsch erlegt. Seither kann man ihn natürlich nicht mehr in den Wäldern finden.“
Doch dies war noch nicht alles.
„Ein weiteres Mal als ich auf Jagd war, traf ich ein Einhorn. Es war ganz weiß und sein Horn glänzte silbern. Ich stieg von meiner Mähre und verfolgte das Einhorn. Durch eine List konnte ich es bezwingen. Hernach stand es bis zu seinem Tod als mein Reittier im Stall.“ Beifall toste auf. Der Graf von As La Ban strahlte dennoch siegessicher. Er hatte erkannt, dass auch der König flunkerte, sodass er sich entschloss, seine Geschichten etwas auszuschmücken, wenn er an der Reihe war.
„Meine größte Heldentat aber“, hob der König von neuem an, „habe ich für mein Volk vollbracht. Bevor dieser Palast erbaut wurde“, und damit zeigte der König hinter sich auf die Türme über der Stadt, „befand sich hier ein massiver Berg. Doch ich fand, hier und nirgendwo sonst müsse unsere wundervolle Hauptstadt sein. So nahm ich mein Schwert und jagte den hässlichen Berg von dannen!“

Der Graf begann unruhig zu werden. Wie viel wollte der König denn noch erzählen? Das Volk wirkte überglücklich, einen solch tapferen König zu haben. Das aber, so hoffte Askan, sollte sich gleich ändern.
Mit einem verschwörerischen Lächeln übergab der König dem Grafen das Wort. Dieser räusperte sich umständlich, um gehört zu werden.
„Da ich, liebes Volk, schon etwas älter bin, habe ich auch spannendere Dinge erlebt. Wenn ich euch alles berichtet habe, werdet ihr wissen, wer es verdient, euer König zu sein.
Schon lange bevor ich in dieses Land kam, war ich ein Niemand. Ich wurde in Dänemark geboren, damals nannte man uns noch Dänen. Das sollte sich ändern, als unser wunderschönes wildes Dänemark von den Römern überfallen wurde. An ihrer Spitze kam Caesar der Große geritten – und ich sage euch, er war wirklich von großer Gestalt.“ Lacher wurden hier und da aus dem Publikum laut.
„Gemeinsam mit meinem Bruder Aster von Rix nahm ich die politischen Verhandlungen mit den Römern auf, denn wir wollten unser schönes Dänemark nicht den Römern überlassen. Caesar jedoch ließ sich nicht beeindrucken und es entbrannte ein Kampf. Mann gegen Mann – Auge in Auge – kämpfte ich gegen die römischen Soldaten. Erst als mein Bruder Aster von Rix getötet wurde und ich schwerst verwundet war, mussten wir klein bei geben. So sehr beeindrucke Caesar unser Kampfeswille und unsere Tapferkeit, dass er uns Dänemark bereitwillig überließ, obwohl er es gerade erobert hatte.“
Askan baute sich in der Mitte der Tribüne zu voller Größe auf und hinkte ein wenig beim Laufen, um von seiner Kriegsverletzung zu überzeugen.
„Da es mir in Dänemark langweilig wurde und es nichts mehr zu tun gab, beschloss ich, die Welt zu bereisen. Also baute ich mir ein Floß aus Baumstämmen zusammen und segelte damit Tage und Wochen über einen riesigen Ozean voller Meeresungeheuer und Stürme. Oft schon fiel ich vom Floß, doch ich konnte mich darauf verlassen, dass es mich treu in jeder Gefahrensituation beschützte. Als ich bald Land entdeckte, schrie ich mir aufmunternd zu: An Land! Seither nennen die Einheimischen dieses Land „Atlantis“. Ich wurde voller Freude empfangen, doch ich musste erschrocken feststellen, dass diese Leute keine Menschen waren wie wir. Oh ja, sie waren Götter! Sie kannten eine Kunst, Sand so zu bearbeiten, dass daraus Skulpturen aus warmen Eis entstanden, die niemals schmolzen. Ich lernte von diesen Göttern und erzählte ihnen von Dänemark. Einmal erwähnte ich, dass wir Dänen große Tiere auf vier Hufen und mit riesigen Köpfen besaßen. Und wir konnten diese Tiere reiten. Sodann sagte man, wenn man sich eine frohe Kunde brachte: Er hat mir etwas vom Pferd erzählt. Man wählte mich sogar zum Bürgermeister von Atlantis. So gelangte ich zu großem Ruhm. Um dem Volk von Atlantis etwas zurück zu geben, erfand ich einen Brauch. Jedes Jahr um dieselbe Zeit spendete ich Geschenke an die armen Kinder und brachte Frieden ins Land. Daher pflegt man in Atlantis das Weihnachtsfest zu feiern.
Die Aufgaben als Bürgermeister hielten mich so auf Trab, dass ich bald schon einen Ausgleich brauchte, um nicht an Burning Out zu erkranken. Ich wurde Schatzsucher! Während meiner Suche stieß ich auf ein geheimnisvolles Gefäß, das wie ein Kelch aussah. Die Atlantiker nannten es „Gral“ und sprachen es heilig.
Irgendwann waren alle Schätze gefunden, die Atlantiker glücklich und mir wurde langweilig. Ich sehnte mich nach Dänemark zurück. Also machte ich mich auf und reiste nach Hause. Irgendwo in Dänemark dann habe ich den Heiligen Gral verloren. Bis heute hat man ihn nicht wieder gefunden.“
Damit schloss Askan seinen Bericht und blickte in erstaunte Gesichter. Es war so still, dass man ein Laubblatt hätte fallen hören können. Schon glaubte Askan sich des Königsthrons sicher. Da begann der König lauthals zu lachen und mit ihm das ganze anwesende Gefolge. Askan wurde rot im Gesicht und sprang auf und ab. „Aber ich sage euch die Wahrheit!“

Der König sorgte rasch für Ruhe. Andächtig fing er sodann zu sprechen an: „Hast du denn Beweise für deine Heldentaten?“
Darauf wusste Askan von As La Ban nichts weiter zu sagen als: „Nein, aber Ihr habt doch auch gelogen!“ Das Volk lachte erneut laut auf, denn auch wenn der König wohl geflunktert hatte, so war doch sein Herz rein, seine List äußerst klug und seine Taten stets gegen das Leid anderer gerichtet. Graf Askan von As La Ban aber hatte sich so sehr in seine Lügen gestürzt, dass er nicht erkannte, dass das Volk seine Geschichten nicht glauben konnte. Die Menschen verstanden, dass Askan nur an sich selbst und seinen Ruhm dachte. Darum entgeignete der König den Grafen von As La Ban am selben Tag und schickte ihn ins Exil.
Bis heute erzählt man sich in diesem Land die Geschichte vom Lügengrafen. Wann immer es etwas zu lachen gibt: Eine neue Geschichte des Grafen ist der Grund. Und wann auch immer ein Kind nur an sich denkt oder zu lügen beginnt, wird es einen Lügengrafen oder sogar einen Lügendänen geschimpft. Darum haben kluge Kinder längst verstanden, dass Narzissmus niemals lohnt.

(C) ShaitanJr (aka Darielle Draconis), 24.6.2014

Eine neue Zeit… Feuer!

Posted in Kurzgeschichten on 24. Februar 2014 by nonesense

Lange lange ist es still geworden in diesen finsteren Ecken. Privates fraß meine Leidenschaft und ich quälte mich. Angesichts des Kampfes um mein Kind entstand eine Geschichte, die ich euch dennoch nicht vorenthalten will. Nehmt daraus was ihr braucht, bewertet sie schlecht oder auch nicht.  Sie wird immer etwas besonderes bleiben…

 

Feuer im Herz

Den Raum erhellten Rauchschwaden und schier endlos heiße Flammen. Sie hörte sich gleichsam atmen, trotz des erstickenden Qualms. Alles war perfekt. Das zerschmetternde Gefühl des Triumphes breitete sich aus, während der Drache in ihr das Rauchfeuer schürte. All das was sie gewesen war, stand nun in gleißendem Feuer. Ein letztes Husten ehe sie ihr Werk entgültig in sich aufsog und ging.
Rund herum starrten Augenpaare auf sie nieder, machten ihr Angst. Sie hatte doch mit der Gegenwehr gerechnet. Nichts war ihr so vertraut wie die immerwährend starren Blicke, die nur auf sie gerichtet waren.
„Ich bin anders“, sagte sie sich. Durch den Dschungel von Gaffern und Neidern hindurch suchte sie nach dem Ausgang. Ihr schicksalshafter letzter Weg war gekommen. Grün schnitten ihre Augen durch die Finsternis als suchten sie etwas. Erschrocken blickte sie in ihre eigenen Augen als ihr gewahr wurde, dass sie aus einem wilden Traum erwacht war. Feuerland. Zitternd wandte sie sich ab.
„Nur ein dummer Traum“, versuchte sie sich zu beruhigen. Nichts neues.

(C) ShaitanJr, 21.8.2013

Nacht. Ein Essay. II

Posted in Kurzgeschichten on 13. August 2012 by nonesense

Und weiter geht die Reise…

Ein Steinwurf. Jemand schrie, wie ich polternd zwischen den feuchten Grashalmen daherrutschte und meine Füße nicht zum Stillstand kamen. Ich keuchte.
Noch aus dieser Zeit erkenne ich heute, wie argwöhnisch man mich beobachtet hatte, aus einem Winkel der mir lang verborgen blieb. Ich arbeitete mich also vor zu erkunden, woher der Stein geflogen kam. Die Scheibe jedenfalls war zerstört und drinnen schimpfte die Hausherrin ob der wüsten Vandalen. Die nicht zu sehen waren. Es klirrte ein zweites Mal, als ich eben einen weiteren Stein aufs Fenster aufprallen sah. Ich spurtete los, untersuchte wohin der Stein gefallen war, nachdem er das Glas durchschlagen hatte. Mitten im Raum lag er, groß und ohne Blessuren. Woher mochte er gekommen sein? Es sah nicht danach aus, als habe er bereits vor dem Haus gelegen, ganz so als hätte ihn ein wilder Bursche aufnehmen und werfen können. Nein, dieser Stein war nicht von hier. Ebenso wenig war es der erste. So machte ich kehrt und bewegte mich – den Himmel observierend – in die Richtung aus der die Steine gekommen sein mussten. Krach. Hinter mir. Jetzt war auch das Dach beschädigt. Eine steinerne Kugel rollte vom Dach herab und landete vor dem zweiten Fenster. Drinnen tobte es erneut. Ob man denn niemals seine Ruhe vor Landstreichern haben könne, zeterte es. Ich war gewiss kein Landstreicher, obschon ich mit Begeisterung die Spuren der aus dem Nichts nahenden Steine erforschte.
Der dritte nun war mit Kerben übersäht. Eine wilde ungeordnete Spur von Krallen, die tief ins harte Fleisch geschnitten hatten. Auch dieser Stein war nicht aus der Umgebung entnommen worden. Das Spiel begann sich im Kreis zu drehen. Wer warf all die Steine um sich dann wieder zu verstecken? Und wozu brachte er sie aus einem anderen Wohngebiet hier her?
Ich hatte keine Verdächtigen und so blieb mir nichts anderes als den Steinregen einmal sich selbst zu überlassen. Lediglich bat ich die Hausherrin, sich drinnen sicher zu halten, um keinen Schaden zu nehmen.
Droben über mir dämmerte es. Die Sonne zog sich rasch hinter einer Wolkenwand zurück, um schließlich gänzlich das Weite zu suchen. Und noch immer flogen kleine und größere runde Steine auf das Haus zu. Sie schienen ungeordnet vom Himmel zu kommen, immer mehr prallten auf dem Hausdach auf, andere zerschlugen weitere Fenster oder landeten dort wo die ersten beiden ihren Weg gefunden hatten.
Ich richtete meine Front wieder auf mein Ziel, dorthin wo ich den Werfer zu finden hoffte. Das kleine Holzhaus war umringt von einem Gürtel aus Wald und zwischen den Bäumen herrschte schon jetzt modrige Blindheit. Trotzdem musste ich mich dorthin wagen, um endlich das Geheimnis zu lüften. Noch bevor ich tief in den nassen Wald eingedrungen war, erkannte ich eine mir wohlvertraute Silhuette zwischen den Stämmen.

(c) ShaitanJr, 13.08.2012
to be continued…

Ein Experiment zur Huldung der Nacht.

Posted in Kurzgeschichten with tags on 17. Juli 2012 by nonesense

Manche Nacht kann interessante Ideen hervorbringen. Und so auch diese, obschon sie bereits um ist, wie mir der Blick aus dem Fenster verrät.

Was mich nun ergriffen hat, ist die Idee einer neuen Kurzgeschichte. Nicht irgendeiner kleinen abgeschlossenen Handlung. Ich werde versuchen eine größere Geschichte, deren etwaigen Ablauf ich inzwischen erahnen, jedoch nicht kennen kann, in Abschnitten hier einzustellen. Inspirationsquelle und tieferer Sinn dahinter ist endlose Nacht und ein Spagat zwischen leichtem Horror, Grusel und Faszination. Ich schreibe diese Zeilen nicht ohne Grund. Beim sehnsüchtigen Suchen nach neuer – gothic aber modernen – Literatur, die die Unterhaltung nicht über die tiefgreifende Erkenntnis stellt, musste ich einsehen, dass es außer uralten (oft für meinen Geschmack doch uninteressanten) Schinken nichts neues gibt, das der Szene an Wortkunst zur Verfügung steht. Und so nehme ich meine selbstauferlegte Aufgabe an, weiterhin Wortkunst für meine Szene zu schaffen. In der Hoffnung, dass sich bald auch andere dazu inspiriert fühlen wieder den tiefgreifend faszinierend dunklen Gang übers Papier zu wagen. Ich bin gespannt…

Nacht. Ein Essay.

Nacht und um uns reißt der Sturm ein Loch in die Schutzhütte. Gewaltige Pranken senken sich durch das hölzerne Fleisch in die Kammer, kratzen über den Boden. Und bleiben plötzlich vor uns stehen. Wie wir da so zusammengekauert sitzen, erlegt mein Blick die Beute in Sekundenschnelle: Die Drachen sind nicht hier, um uns zu töten.

Schreiend erwachte ich aus dem Leben in eine fremde Realität. Über mir starrte die unauslöschliche Finsternis auf mich herab. Die Decke war heil geblieben und ich war allein. Dennoch scharrte etwas in einer Ecke über den Boden. Ein Schauer überzog meinen Rücken. Was auch immer es war, es war weit genug fort. Mein Atem begann sich allmählich zu entspannen. Bis es wieder knisterte, scharrte, kicherte. Den Instinkt, das Hörbare zu erkennen, konnte ich kaum unterdrücken, starrten mich doch aus der wabernden Nacht zwei dunkel pulsierende Augen an. Es war hier. Und ich war ihm hilflos ausgeliefert.
Mit dieser Erkenntnis stockte mein Luftholen endgültig. Je länger ich es ansah, desto intensiver wirkten die Formen, die seltsam anmutend aus der bereits lichtlosen Dämmerung meines Zimmers hervorstachen. Zwei leicht gerundete Schlitze, abgrundtief. Und darunter ein etwas lichteres Grinsen. Lange, lange konnten wir nicht von einander loslassen. Es brauchte mich, um zu existieren, das wurde mir immer klarer. Doch auch ich brauchte das Wissen, dass es da war. Inzwischen fühlte es sich ein wenig an, als verbreite die Gestalt Sicherheit. Als sei sie nur gekommen, um nach dem rechten zu sehen. Am Fenster schob sich der Mond einige Zentimeter weiter nach links, löste neue Schatten aus der Masse und befreite einige weitere Seelen, die sogleich um uns herum schwirrten und stöhnten. Diese hier kannte ich bereits. Sie waren harmlos und oft reichte der Gedanke, dass sie ausschließlich einer irritierten Fantasie entsprungen waren, um sie zu vernichten. Das kleine Wesen, dessen Augen schon in die Tiefen meiner Seele eingedrungen waren, wollte sich nicht vernichten lassen. Weder meine Fantasie noch mein Glaube hielten es davon ab, zwischen der Realität und der Irrealität zu wählen. Es musste mehr sein, als alles was ich mir je eingebildet hatte.
Für einen kleinen Test nur schloss ich vorsichtig die Augen, mit der Erwartung beim Öffnen und erneuten Hinschauen festzustellen, dass das Wesen doch nichts weiter als verirrte Schatten war. Ich schlug also die Augenlider wieder auf. Und schrie.
Eben noch wurde mir gewahr, wie nahe das Wesen in dieser einen Sekunde gerückt sein musste. Noch einmal brannten sich seine unsagbar tiefen Augen in mich ein, bevor die Tür zu meinem Zimmer aufgestoßen wurde. Greller Lichtschein verjagte das Untier, hüpfend und keckernd sah ich es durch die scheinbar immaterielle Fensterscheibe verschwinden. Ich keuchte.

Meine Begegnungen dieser Art hielten sich zu früheren Zeiten in Grenzen. Der Kobold, wie ich ihn nach mehrmaligen Besuchen nannte, kam des Öfteren, sogar sehr nahe. Nie aber berührte er mich. Lediglich meine Kräfte raubte er, sodass ich am Ende nie sicher war, ob er nun doch real oder erträumt war. Jahr für Jahr aber wurden die Begegnungen weniger und ich hatte bald die Hoffnung, dass das Tier sich nicht wieder zeigen würde. Diesem frommen Wunsch entsprach vieles, nicht aber mein Kobold.
Irgendwann hörte ich auf an ihn zu denken, konnte die Sichtungen zuweilen vergessen. Nicht aber für immer. Das Angsttier in mir schien ihn letztlich doch zu rufen. Eines Abends war ich allein unterwegs gewesen, wie manch frei lebende Menschen so sind. Taumelnd – nicht alkoholisiert – schlenderte ich durch die unlichtdurchflutete Straßen meiner Stadt, auf dem Heimweg über die Brücke. Vielleicht hätte ich den Ort an diesem Abend meiden sollen. So trat mir ein seltsam gekleideter Mensch entgegen. Für diese Stadt und für die moderne Zeit nichts ungewöhnliches, wären da nicht seine kaum erkennbaren Hände gewesen, die aus dem Mantel hätten heraus scheinen müssen. Ich hob langsam meinen Blick, musste ihn jedoch schnell wieder senken, da mich etwas in den Augen des Mannes irritierte: Sie reflektierten grell Licht, das nicht da war. Sie leuchteten gerade zu in einem sanft goldenen Licht, diese atemberaubenden Ringe um die dennoch unverkennbar schwarzen Pupillen. Waren das Kontaktlinsen? Noch während der Fremde an mir vorbei wankte, spürte ich wie intensiv er mich musterte. Dies war kein gewöhnlicher Witzbold, der seine Umwelt zu provozieren versuchte. Dieses Wesen war mehr. Zugleich womöglich kein Mensch, noch weniger als das. Unter der Brücke begannen die Laternen zu flackern, eben als er den Linken an mir vorbei setzte. Knurrte. Sein Mantel schleifte einige Zentimeter hinter ihm her. Ich erinnere mich, wie ich darüber nachdachte, warum ein Mensch so ein furchtbares Kleidungsstück überhaupt trug. Schnell versuchte ich den Vorfall zu vergessen. Noch einige hundert Meter und etwa drei Hausecken trennten mich von meiner Haustür. Von weitem war nichts zu erkennen, als ich den Blick zielsicher an das Haus heftete in dem ich wohnte. Der Lichtkegel davor schien beinahe normal zu sein, orange und schwach, wie immer. Und dennoch fiel mir beim verändern des Blickfeldes eine Bewegung auf, die nicht dorthin gehörte. Noch drei Schritte. Und dann noch einen. Angst hielt meine Beine fest. Ich sah mich um, versuchte mein Hirn zu beruhigen, bevor es endgültig aus seiner Truhe zu springen vermochte. In der Hand drehte ich bereits den Schlüsselbund immer und immer wieder, um meine Nervosität ein wenig zu entspannen. Noch ein Schritt. Und hinter mir fiel er.
Ein lautes Knallen als sei die Laterne umgefallen, breitete sich in der Straße aus. Nichts rührte sich. Verängstigt nahm ich endlich meine Beine in die Hand und wagte die letzten Schritte bis zur Tür. Doch es war schon zu spät. Sie ließ sich nicht öffnen. Mit aller Kraft drehte ich den Schlüssel, drückte, schob und hämmerte mit meiner Schulter dagegen. Eben als ich zu einem neuen Schlag ausholen wollte – ohne dass ich sie berührt hätte – prallte sie auf. Und mich funkelten zwei lichtreflektierende Augen an. Er streckte die Arme aus, trat auf mich zu und alles was mir einfiel, war zu rennen. Für einen Schrei blieb keine Zeit. Ich drehte mich um die eigene Achse und rannte soweit mich die Beine trugen. Egal was ich tat. Er war dicht hinter mir.
Schließlich hastete ich an einer kleinen Sackgasse vorbei. Aus den Augenwinkeln sah ich seinen Blick mich anspringen, taumelte zur Seite und stürzte.
Er stand über mir, bedrohlich, schwarz, unnahbar. Streckte die Hand nach mir aus. Und zog mich, wie ich mich auf dem kalten nassen Boden zusammengekrümmt hatte, auf die Beine. Mein verwunderter, panischer Blick wurde nicht beantwortet. Stattdessen, legte er mir etwas in die Finger, das ich später als eine Art Amulett identifizierte. Während ich noch auf das dunkel schimmernde Kristall starrte, löste sich der Schatten vor mir auf. Als ich wieder nach oben blickte, tat sich vor mir das Licht der Straße auf. Elektrisches Licht, wie es stärker nie gewesen war. Mit zitternden Knien wandte ich mich nach Haus.

© ShaitanJr, 17.7.2012

To be continued…

Endlich neues.

Posted in Kurzgeschichten on 1. Juni 2012 by nonesense

Fremde Bedeutung

Sind wir nicht wir selbst, wenn das Lernen uns zu Menschen macht?
Vielleicht auch Gedanken, Bilder, Flüche?
Wir bewegten uns über den Horizont hinaus. Canso und mein treuer Gefährte Dram. Canso spielte wie immer mit seinem Ring am Finger, als Dram das Buch aufschlug und mir vorlas:  „Sein ist Erfüllung. Bewusstsein ist Chance. Haben wir begriffen, wo die Nadeln fallen?“ Canso nickte zustimmend. Hinter ihm flog die Nacht heran, als das Lagerfeuer zu verlöschen drohte.
„Nicht im geringsten“, beantwortete ich Drams Frage. „Das begreifende in unseren Herzen ist etwas, das noch nie jemand zu finden wagte.“  Stille senkte sich auf uns nieder.
Canso erhob sich ein wenig trunken. Starrte auf die Uhr, die in ihrem Ticken noch nie einen Moment inne gehalten hatte. Groß wirkte er, wie wir hier unten beim Feuer saßen und zu ihm aufschauten.
„Tut was ihr wollt. Für mich ist dieser Tag vorbei.“ Noch benommen vom Alkohol griff er nach seinem Sattel, ließ das Pferd zweimal um sich herum gehen, bevor es still hielt und die Last ertrug. Einmal noch sah Canso zu uns hinüber.
„Wenn du jetzt gehst, wird dir ein Leben verwehrt bleiben!“ Dram ließ uns die Hoffnung nicht aufgeben. Doch der Alte hatte schon zuviel Zeit verloren. Stieg hastig auf das Pferd und ritt pfeifend davon.
Wie es ihm gehe, fragte ich Dram, den Burschen, der mir hinter den Flammen gegenüber saß. „Nur Worte.“ Er grinste mich verlegen an.
„Dies sind doch nicht nur Worte. Es ist die Wahrheit.“ Ein wenig erschrocken zeigte ich mich. Mein Bruder hob die Schultern, zog die Brauen nach oben, hielt ein Stück Holz fest umklammert. Eben wollte er zu sprechen beginnen, als sanftes Donnergrollen uns aufschreckte.
„Scht“, machte Dram, legte den Finger an die Lippen. Links von uns trat aus der Dunkelheit ein Reiter.
„Ich hörte, ihr philosophiert über Wahrheit? Nun, mögt ihr erfahren, was Wahrheit bedeutet.“ Der Mann in der schwarzen Kutte ließ sich aus dem Sattel gleiten. Nahm eben diesen dem Reittier ab und auch das Kopfstück. Mit einer schwungvollen Bewegung rettete sich Dram beiseite, als der schwere Ledersattel dort aufprallte, wo eben noch ein Mensch gesessen hatte.
„Geht und sucht nach der Wahrheit. In den Worten allein werdet ihr sie nicht finden.“ Knarrende Stimmtöne trug er an unser Ohr während er sich setzte. Noch einen Augenblick sahen Dram und ich uns ins Gesicht, ehe wir uns erhoben. Der Fremde warf noch ein wenig Holz in die Glut und kippte unseren braunen Alkohol dazu.
„Um das Feuer braucht ihr euch nicht zu kümmern. Geht.“

„Verrückt!“, hörte ich Dram murmeln, als er um das Lager herum schritt und zu mir kam. Das Buch hielt er noch immer fest umklammert. Vor uns in der Finsternis spielten die Schatten im Sand. Die weitläufige Welt bildete ein Spiegelbild unserer Seelen. Wir waren frei, konnten gehen und schauen wonach es uns dürstete. Doch noch hatten wir den Wert all dessen, was vor uns lag, nicht einmal erhören können. In einiger Entfernung wieherte der Hengst, den der fremde Reiter frei gelassen hatte. Beinahe war uns, als forderte er uns heraus zu einem Spiel, dessen Regeln wir nur erkennen würden, wenn wir ihm folgten.
Der Sandboden flog unter uns dahin als mein Bruder Dram und ich der Spur des Pferdes nach liefen. Bald aber war der Schein des Feuers hinter uns verblasst. Vor uns nun lag die glitzernde Nacht, besser: wir lagen in ihr. Wieder und wieder ertönte der Ruf des Hengstes und wir folgten ihm unsicher.
„Die Wahrheit finden“, murmelte ich, als wir entatmet das Tempo verlangsamten, „ist viel komplizierter als ich dachte. Dabei ist sie selbst so simpel.“ Dram schüttelte den Kopf wie er es immer tat, wenn er glaubte, etwas besser zu wissen.
„Nicht Wahrheit ist das Ziel. Bewusstsein heißt die Kraft.“ Ich verstand es nicht, als mich plötzlich etwas nieder zu rennen versuchte. Das Pferd war lautlos um uns herum geschlichen, machte jetzt einen Bocksprung und rannte an mir vorbei, wobei es mich beinahe umzuwerfen drohte. Das Spiel begann.
Abwechselnd bewegten Dram und ich uns auf das Tier zu, ließen es weichen und mussten selbst Raum geben, um nicht von den harten Hufen des Vierbeiners verletzt zu werden. Wir lachten uns die Seele aus dem Leib. Endlich hielt ich es umklammert, hängte mich mit aller Kraft an seinen Hals. Er stand still.
Noch bevor ich wusste was ich tat, strich ich ihm übers Maul, ließ meine Finger ein letztes Mal über seinen schlanken Hals gleiten und löste mich von dem mächtigen Körper.
„Er ist stark. Wir haben ihn dennoch gefangen.“ Dram jubelte, bis er gewahrte wie ich das Tier frei ließ.
„Lass nicht los!“, schrie er in mein Ohr. Und schon lag ich am Boden, die Hufe des Hengstes wild die Luft über mir brechend. Ein letztes Bild noch. Der sich an meine Seite werfende Bruder.
„Wer sind wir, dass wir begreifen?“, fragte ich ihn. Den erschrocken fliehenden Hengst vergessend, blickte er auf mich herab. In seinen Augen spiegelte sich die Nacht wie eine Mauer um uns herum. Ich fühlte mich gefangen. Erst als er mir keuchend aufhalf, erkannte ich, was um uns war. Sterne über uns. Die letzten Wolken zogen davon.

© ShaitanJr, 1.6.2012